Sozialhilfe und subjektive Moralentscheidungen
Verfasst von welfareandeconomics am Sonntag, 30. Dezember 2007
Ich möchte mein blog beginnen mit ein paar grundsätzlichen Gedanken zum Wesen des Sozialstaats im allgemeinen und der Sozialhilfe im besonderen. Mir geht es dabei um das Verhältnis des Grundgedankens des Sozialstaates und der subjektiven Moralauffassung.
David Friedman (ich lasse ihn für heute einmal hier stellvertretend für zahlreiche andere liberale Denker stehen) schreibt an einer Stelle sinngemäß, dass es ihm nicht einsichtig sein, warum etwas – eine Handlung oder ein Unterlassen – dadurch ‘richtiger’ werden soll, dass ein Staat oder eine Regierung mich dazu zwingt. Bezogen auf das Wesen eines Sozialstaates soll das hier Folgendes veranschaulichen: Ich gehe durch die Stadt und bekomme einen schmutzigen Pappbecher mit der stufenweise steigerbar flehentlichen Bitte um etwas Kleingeld hingehalten. Was soll ich nun tun? Es gibt verschiedene Strategien: a) solche Situationen durch Wegsehen oder weiträumiges Umgehen vermeiden, b) was Geben, c) nicht geben – jeweils als Strategie ausbaubar durch Erweiterungen, wie ba) Geben mit Diskussion, bb) Geben mit Mitleidsgeste, ca) Nichtsgeben mit Diskussion usw., usf. Nur – wer nimmt mir die Entscheidung ab? Niemand! Um nun aber den Bogen zum Thema zu bekommen: Ich selbst als sozialhilferechtlich geschulter Mensch erwische mich immer wieder bei dem Gedanken: „Hey! Was soll das? Du bekommst doch Sozialhilfe. Warum bettelst Du mich an?“ Entweder der Mensch hat bereits seine 347 € monatlich, dann gibt es keinen Grund, nach mehr Geld an mein schlechtes Gewissen zu appellieren. Oder er bekommt sie nicht – das kann dann entweder an eigenem Fehlverhalten, Bequemlichkeit oder Unfähigkeit liegen. Ersteres wird dann wohl wiederum verdient sein, Letzteres wird über kurz oder lang von einem Sozialarbeiter überwunden werden. Im Ergebnis: Ich delegiere meine subjektive Moralentscheidung an einen unpersönlichen Staat. Aber warum soll das gut sein? Liegt darin nicht die Konditionierung der Menschen durch die (von ihnen gewählte) Regierung auf subjektive Verantwortungslosigkeit? Der Staat hat kein Geld, das er anderen geben kann. Er kann dem Einen nur das geben, was er dem anderen nimmt. Warum muss er es mir also nehmen? Warum darf ich mein Geld dem Bettler nicht selbst geben? Weil ich es nicht tun würde? Wenn ich es nicht tun würde, warum darf ich dann dazu gezwungen werden?
Die westliche Hemisphäre ist nach wie vor noch geprägt von der christlichen Ethik. Danach ist die Nächstenliebe ein bestimmendes Grundmoment. Wenn auch die meisten Menschen sich diese Ethik nicht mehr in allen Einzelheiten zu Eigen machen lassen wollen, liegt darin dennoch ein sozialisierendes Momentum, das als Grundgedanke wohl auch den Sozialstaat in seiner heutigen westlichen Ausprägung geformt hat. Warum aber muss eine staatliche Institution zwischengeschaltet werden? Welcher Mehrwert wird erreicht? Wenn ich hier diese Fragen stellen, soll das nicht heißen, dass darin jeweils die implizite Ablehnung aller sozialstaatlicher Gedanken liegt. An dieser Stelle mögen die Fragestellungen zunächst einmal Aufriss eines Rahmens für die weitere Auseinandersetzung hier mit dem Thema sein. Wichtig scheint mir zu sein, zumindest diese Fragestellungen nicht aus den Augen zu verlieren.
Wer beruflich mit der Sozialhilfe zu tun hat, mag durchaus nach einiger Zeit (oder schlimmstenfalls schon vor Beginn seiner Arbeit dort) den Wald vor lauter Bäumen aus den Augen verloren haben – will sagen: die Reflexion des eigenen Tuns darf nicht vergessen und dieses nicht unhinterfragt bleiben.
Ulrich Spielmanns sagte
Hallo Herr Ruschmeieer!
Dann will ich Ihnen einmal ein paar Zeilen zurückschreiben.
Vor Weihnachten habe ich bei einem durch das SGB II verursachten Umzug geholfen.
Das Einfamilienhaus am Stadtrand war nicht mehr zu halten und die Stadtwohnung mit vier Zimmern war angemessene Unterkunft im Sinne des § 22 SGB II.
Die zugezogene Familie hatte noch keine Kontakte aufbauen können und so hatte sich der Vater an die Eltern der Mitschüler seiner Kinder gewendet. Aus zwei Klassen kamen dann 5 bis 7 Elternpaare.
Es war ein mutiger Schritt der Eltern und der wurde durch Solidarität belohnt.
Eine techschiche Kollegin hat mir einmal gesagt: Zu bestimmten Zeiten in deinem Leben brauchst du Menschen, die dir helfen.
Ein Spruch, der mir immer wieder einmal einfällt. Im Zuge der Aus- und Übersiedlerwelle in den 80-er und 90-er Jahren hab ich mich auch besonders bemüht, den Familien einen angenehmen Behördenaufenthalt zu ermöglichen. Können doch erste Eindrücke ganz prägend für die Zukunft sein.
Noch Carl Zuckmayer ist bei seiner Flucht in die Schweiz das harsche Verhalten der schweizer Behördenmitarbeiter bis in seine Autobiographie „Als wärs ein Stück von mir“ hängen geblieben.
Die herzliche Aufnahme bei einer Gastwirtsfamilie ließ ihn dann seinen Lebensabend in der Schweiz verbringen.
Selbst ein paar völlig verbitterte Menschen ansprechen und nicht in ein Feindbild einordnen……, all das habe ich mir ein gutes Stück im Alltag bewahrt. Hoffe ich.
Das ist, wenn Sie so wollen, meine berufliche Moral und es ist schwer genug, die in einer Massenverwaltung immer wieder zu entdecken.
Das eigene Empfinden muss stimmen. Die Kraft kommt dann nicht aus dem Kopf, sondern aus dem Bauch.
Oft stelle ich mit die Frage: Geschieht hier Unrecht?
Im SGB II habe ich mir diese Kontrollfrage am Anfang sehr oft gestellt und sie erweiterte sich hin zu der Ableitung: Ist der oder die unter Hartz 4 ein Gewinner oder ein Verlierer des neuen Systems?
Aber dieser Prozess war wohl 2006 für mich abgeschlossen.
In letzter Zeit habe ich mir diese Frage nicht mehr gestellt.
Nun zu Ihrem Beispiel mit dem Bettler:
Oft gebe ich nichts, manchmal gebe ich.
Insbesondere dann, wenn ich die Kinder bei mir habe.
Kinder geben gerne das Geld in den Pappbecher und fragen mich dann nachher über den Vorgang aus.
Wenn ich gebe, denke ich oft daran, dass mein Geld in Alkohol umgesetzt wird. Aber das ist egal. Manchmal denke ich, dass es eine gewerbsmäßige Bettelei ist und dieser Gedanke schreckt mich manchmal ab.
Oft habe ich keinen Plan in der Situation und handele nach dem Erscheinungbild des Bettelnden.
Mitmenschlich bleiben, alles verstehen wollen, das fällt mir ein, wenn ich Ihren Artikel
Revue passieren lasse.
In dem Sinne
LG
U.S.
welfareandeconomics sagte
Klingt gut Herr Spielmanns.
Ich wollte mit meinem Artikel auch noch auf den Aspekt aufmerksam machen, dass ein Behördenmitarbeiter eine Balance finden muss, zwischen dem, was er selbst als moralisch notwendig und gerechtfertigt ansieht auf der einen Seite und dem, was sein Arbeitgeber (der Souverän, das Volk, durch den Gesetzgeber) ihm aufträgt zu tun.
Je nach eigener Sozialisierung schlägt da das Handlungspegel mal in die eine, mal in die andere Richtung vielleicht etwas zu weit aus.