Nokia oder Alg II – Subvention ist Subvention….
Verfasst von welfareandeconomics am Freitag, 18. Januar 2008
Milton Friedman schreibt über das Verhalten der amerikanischen Regierung und seiner finanzwirtschaftlichen Institutionen während der Großen Depression in 30er Jahren:
“In einer Beziehung also blieb sich das System durchaus treu und verhielt sich konsistent. Es schiebt die Schuld an allen Problemen auf Einflüsse von außen, die außerhalb seiner Kontrolle liegen, und rechnet sich alle positiven Ereignisse als Verdienst an. Damit fördert es weiterhin den Mythos, dass die Privatwirtschaft instabil ist, währenddessen liefert sein Verhalten fortwährend einen Beweis dafür, dass der Hauptfaktor der ökonomischen Instabilität heutzutage der Staat ist.“ (Chancen die ich Meine, Free to Choose, S. 104)
Tja, könnte es sein, dass dieser Satz an Aktualität nicht verloren hat? Man gibt einer Firma 60 Millionen, und wundert sich anschließend, dass die das Geld tatsächlich nimmt… Soweit derzeit kolportiert wird, hat Nokia keinen Rechtsbruch begangen, sich mithin völlig rational und noch dazu völlig korrekt verhalten – wer hat also wem etwas vorzuwerfen? Ich kaufe ein Brötchen, gebe dafür 85 Cent (beim Öko-Bäcker…) und bekomme das Brötchen. Habe ich ein Recht mich zu beschweren, dass die Verkäuferin nicht noch eine Scheibe Käse drauf legt? Habe ich ein Recht mich zu beschweren, wenn morgen mein Nachbar bereit ist 1,50 € für das Brötchen auszugeben und ich es deshlab nicht mehr für 85 Cent bekomme?
Man kann sich der Logik der Marktwirtschaft nicht entziehen, wenn man sich selbst dran beteiligt: Man ‘kauft’ ein Unternehmen für 60 Millionen ohne sich abzusichern, da muss man sich nicht wundern, wenn’s morgen ein anderer ‘kauft’. Was lehrt das nun aber? Subventionen sind nicht wirklich ein ‘Kauf’, weil der Subventionsgeber keine Anteile dafür erhält. Sie haben also eher den Charakter eines Geschenks. Damit verzerren sie die Anreize für den Beschenkten. Er tut etwas, was er ohne das Geschenk wohl nicht machen würde (anderenfalls wäre es ja sinnlos, ihm etwas zu schenken). Deswegen mit dem Schenken aufzuhören, ist nur eine Handlungsalternative. Ich muss mir aber über diese Zusammenhänge im Klaren sein.
Sozialhilfe, einschließlich Alg II, ist auch eine Subvention. Folglich weist sie die eben beschriebenen Charakteristika auf: Sie verzerrt Anreize. Sie verzerrt den Anreiz für arbeitslose Menschen, Arbeit in weiter liegenden Gegenden aufzunehmen oder Arbeitsangebote zu akzeptieren, die einem nicht optimal gefallen. Das ist ok, weil es zum ‘System’, wie Friedman schrieb, gehört. Man darf sich dann nur nicht wundern, dass in strukturschwachen Gegenden die Arbeitslosenquote nicht sinkt, wenn arbeitslose Menschen dafür subventioniert werden. Man darf sich nicht wundern, wenn Mietwohnungen immer genau das kosten, was der Sozialhilfeträger noch als angemessen bezeichnet.
Subvention bleibt Subvention, die Anreize verzerrt. Wer sich darüber aufregt macht sich verdächtig, die Sache vorher nicht sorgfältig genug durchdacht zu haben … Aus gegebenen Anlass ergänze ich den Beitrag zur Erläuterung der Verwendung der Begrifflichkeiten „Subvention“ und „Sozialhilfe“ in einem Kontext um den nachfolgenden Link:
http://www.diw.de/deutsch/wb_19/03_reform_der_arbeitslosen_und_sozialhilfe_ein_weg_zu_mehr_beschaeftigung/31084.html
welfareandeconomics sagte
Ich habe mich entschieden, alle hier geschriebenen Kommentare zunächst zu löschen. Ich möchte hiermit ausdrücklich noch einmal zu einer sachlichen Diskussion über den Inhalt des Posts einladen. Zur Teilnahme ist eine Registrierung erforderlich – Sie wissen meinen Namen auch, das ist nur fair und zwingt zu sachlichen Beiträgen. Ich bin sehr interessiert an einer Diskussion auch mit Betroffenen, deshalb hier mein Angebot an Sie, nicht in den bekannten tacheles- oder elo-Foren zu diffamieren, sondern sich auszutauschen. Warum soll man unnötig Gegensätze aufbauen? Führen wir einen Dialog, aber stellen wir uns ihm auch!
An die bisherigen Poster in diesem Beitrag: Große Teile der Beiträge waren zu unsachlich, als dass ich sie hier stehen lassen möchte. Ich möchte Sie aber ausdrücklich bitten, die inhaltlichen Argumente noch einmal vorzutragen, dann kann man darüber ins Gespräch kommen.
ETiTho sagte
In beiden Fällen ist die „Subvention“ allerdings an Bedingungen geknüpft. Und wenn gegen diese Bedingungen verstoßen wird, ist es durchaus legitim, Subventionen zurückzufordern, oder zumindest die weiteren Zahlungen einzustellen, egal um welche Art von Subvention es sich handelt.
Gruß
ET
welfareandeconomics sagte
Ja, stimmt. Aber zum Zeitpunkt der Abfassung des Artikels – und damit auch zum Zeitpunkt der großen Aufregung über das Thema – ging man davon aus, dass Nokia nicht gegen die Bedingungen verstoßen hatte. Allerdings ändert auch eine Regelverstoß nichts an der Subventionsnatur und die Aufregung richtete sich eben gerade nicht gegen den Verstoß, dass ein paar Leute zuwenig eingestellt wurden, sondern dagegen, dass Nokia das Geld dankend nimmt und damit nach Rumänien weiter zieht.
theleftone sagte
Hallo,
meine Ansicht zu Milton Friedman ist – stark zusammengefasst – folgende:
Wer eine Gesellschaftsphilosphie nach dem Motte „Wenn jeder an sich denkt ist an ale gedacht“ vertritt und jegliche staatliche Eingriffe – bezeichnenderweise mit Ausnahme von Repressalien zur Durchsetzung des Marktextremismus – ablehnt und selbst bei einer großen Katastrophe wie die Pinochet-Machtergreifung und was folgte im Aufrag der damaligen US-Regierung Regisseur spielte, hat jeden moralischen Anspruch auf Verbreitung gesellschaftspolitische Ideen verwirkt. Die Todesopfer durch die Umsetzung der Friedmaneschen „Lehre“ (auch indirekt) gehen weltweit wohl in die Millionen. Ich empfehle das Buch „Die Schock-Therapie“ von Naomi Klein.
Viele Grüße
theleftone
welfareandeconomics sagte
Hallo the left one!
Nun, ich denke man kann überschlagshalber sicher festhalten, dass in den letzten 200 Jahren die Idee der gleichmäßigen Umverteilung ein millionenfaches an Menschenleben gegenüber der Idee des freien Marktes gekostet hat. Da man aber nicht Menschenleben gegeneinander aufrechnen sollte, da jedes wertvoll und unersetzlich ist, kann diese Überlegung lediglich helfen, die Schreiberei von Frau Klein als das zu verstehen, was sie ist: Der gelungene Versuch, mit Mitteln der Marktwirtschaft den eigenen Kontenstand zu erhöhen. Das sollte man ihr nicht vorwerfen, man sollte es aber auch nicht übersehen.
Ich fühle mich überhaupt nicht bemüßigt, Mr. Friedman sr. persönlich zu verteidigen, dafür kenne ich ihn zu wenig.
Nur noch ein Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, wir würden mit unserem heutigen Wissen an den Anfang des 19. Jahrhunderts zurückspringen können und dürften wählen, ob wir die Idee von Adam Smith oder die von Karl Marx aus der Geschichte eliminieren könnten. Nach kurzem Überlegen dürfte die Antwort nicht schwer fallen, oder?
theleftone sagte
Hallo Welfareandeconomics,
da ist sie wieder, die polarisierende Gegenüberstellung von „gleichmäßiger Umverteilung“ auf der einen und der „Frei Markt“ auf der anderen Seite. Mein Lieber, wer ein derart einfältige Position einnimmt, als gäbe es nur diese beiden Optionen ohne jegliche Zwischenstadien, der ist – mit Verlaub – nicht ernst zu nehmen.
Wie ist die Sache nun mit Chile, Pinochet und Friedman? Jetzt sag bloß, Friedman hätte mit der Katastrophe von 1973 bis 1989 nichts zu tun…..das wäre noch das i-Tüpfelchen auf deine Argumentation.
Gehe doch mal inhaltlich auf das Buch von Naomi Klein ein. Wo sind Kritikpunkte, was ist falsch recherchiert, welche Folgerungen stimmen nicht?
Viele Grüße
theleftone
welfareandeconomics sagte
Tja, ich frage mich, was genau Sie von mir wollen?
Friedman sr. und jr. noch mehr sind für mich Protagonisten des Liberalismus par excellence – nicht mehr und nicht weniger. Um Friedman sr. Tun in Chile abschließend beurteilen zu können, fehlt es mir an Hintergrundwissen.
An Autoren à la Naomi Klein kritisiere ich grundsätzlich, 1.) dass sie mit ihren Werken den Anschein erwecken, es gäbe eine Alternative zur Marktwirtschaft und 2.) dass sie die unbedarften Leser Glauben machen, die vermeintlichen Alternativen seien ohne erhebliche Folgeschäden bzw. -kosten zu haben.
Zur Polarität: Konzeptionell konsistent sind nur die Extrempositionen, Kompromisse können theoretisch nicht fundiert werden. Das ist der Grund, warum ich sie nicht mag.
welfareandeconomics sagte
Tut mir Leid theleftone, aber unsachliche und beleidigende Kommentare werden von nun an als Spam markeirt….