Netzwerktagung Controlling in der Sozial- und Jugendhilfe und in der Vermittlung in Arbeit
Ich möchte hier von der diesjährigen Controllertagung in Berlin berichten. Mindestens einmal im Jahr treffen sich Controller aus der Sozial- und Jugendhilfe und den SGB II-Trägern aus ganz Deutschland - und dieses Mal auch aus dem deutschsprachigen Ausland - zu einer Tagung unter der Leitung des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V., Berlin, kurz: Deutschen Verein. Ziel dieser Tagungen ist der Austausch über unterschiedliche Ansätze des Controllings und die Bildung von Netzwerken unter den Controllern. In diesem Jahr wurden folgende Themen bearbeitet:
- Controlling als Steuerungsaufgabe des Managements - Vom Aufbau eines Steuerungskreislaufs und der Bedeutung von Kennzahlen am Beispiel des Sozialdezernats des Landkreises Osterholz
Frau Heike Schumacher, Sozialdezernentin des Kreises Osterholz, berichtete von dem dort installierten Steuerungskreislauf, mit dem die zwischen Politik und Verwaltung vereinbarten strategischen Ziele auf die operative Ebene herunter gebrochen werden. In einem so genannten Kontrakt werden für einen längeren Zeitraum (in der Regel angelehnt an die Dauer der Wahlperiode des Rates) strategische Ziele zwischen der Politik und der Verwaltung vereinbart. Diese strategischen Ziele sind sehr allgemein gehalten und geben die Richtung vor (bspw.: Wiedererlangung und Sicherung der finanziellen Handlungsfähigkeit, Ausbau von Wirtschafts-, Beschäftigung- und Tourismusförderung oder Bürgerorientierte Verwaltungsmodernisierung). Aus diesen strategischen Zielen müssen im Folgenden konkrete Arbeitsschritte abgeleitet werden. Ein Ziel ist allerdings nur dann steuerungsrelevant, wenn die Zielerreichung oder deren Grad auch gemessen werden kann. Daher müssen neben konkreten Handlungsschritten auch Indikatoren benannt werden, anhand deren die Zielerreichung beurteilt werden kann. Damit sind dann auch schon die eigentlichen Aufgaben eines strategischen und operativen Controllings benannt. Beim Kreis Osterholz werden die strategischen Ziele aus dem Kontrakt in Kontraktziele für das jeweilige Dezernat herunter gebrochen (bspw. Reduzierung der Bedarfsgemeinschaften SGB II, Senkung der Quote sprachförderungsbedürftiger Kinder, Steigerung der Abiturquote, Senkung der Schulabbrecherquote - jeweils mit Festlegung einer bestimmten Zielquote). Diese Ziele sollen dann erreicht werden. Um sie zu erreichen werden Handlungsschwerpunkte festgelegt, womit der letzte Schritt getan ist, um aus einer allgemeinen Zielvorgabe konkrete Handlungen für die Verwaltung abzuleiten. So genannte Erfolgsfaktoren messen unterjährig, wieweit ein Handlungsschwerpunkt bereits erfüllt worden ist. So selbstverständlich die in diesem Beitrag aufgezeigten Schritte aus Sicht eines Controllers sind, so schwierig sind sie einzuhalten, wenn flächendeckend und kontinuierlich daran gearbeitet werden soll. Für die öffentliche Verwaltung stellen diese Schritte immer noch vielfach „Neuland” dar.
- Casemanagement und Controlling in der Sozialarbeit beim Bürgerservice Leben im Alter bei der Stadt Stuttgart
Frau Silvia Schaal, Projektleiterin im Sozialamt der Stadt Stuttgart, berichtete von der Einführung des oben genannten Casemangements (CM). Der Beitrag war neben den beiden folgenden einer der Beiträge, die am zweiten Tag in Workshops diskutiert wurden. Ziel der Einführung des CM ist es, älteren Menschen mit multiplen komplexen Probemlagen (Sucht, Obdachlosigkeit, Verschuldung, etc.) anhand freiwillig vereinbarter Ziele die erforderlichen Hilfen zukommen zu lassen. Dabei sollen die individuellen Bedürfnisse der Klienten berücksichtigt werden und die Hilfen in fachlich abgesicherte Weise aufeinander abgestimmt werden. Konzeptionell ist das CM in vier Phasen gegliedert: Assessment (Beschreibung des IST-Zustandes), Hilfeplanverfahren (Vereinbarung individueller Ziele), Kontraktmanagement (Organisation der einzelnen Hilfen) und Monitoring (Überprüfung der Zielerreichung). Die betroffenen Sozialarbeiter wurden verpflichtet, dieses CM einzuführen und anhand festgelegter Fälle zu erproben. Die Projektleitung evaluierte die Einführung nach drei Monaten durch Befragung der betroffenen Mitarbeiter(innen) und einer Aktenanalyse. Der Vortrag stellte in erster Linie die Ergebnisse der Evaluation dar. Diese zeigten sich durchaus kritisch und im Plenum wurde nach Problemen, Ursachen und Lösungsansätze für die aufgezeigte Probleme bei der Installation des neuen Instrumentes gesucht. Ein entscheidendes Ergebnis war, dass der Prozess zu stark „top-down” statt „bottum-up” eingeführt wurde. Der Überprüfungszeitraum von drei Monaten ist sicher auch zu kurz, um endgültige Erfahrungen darstellen zu können. Ganz deutlich wurde aber auch, dass durch die Einführung dieses Instruments ein „Paradigmenwechsel” in der Sozialarbeit hin zu zielorientierten, verbindlichen und überprüfbaren Hilfeangeboten stattfinden. Das muss aber deutlich gemacht werden und den Mitarbeiter(innen) muss ausreichend Gelegenheit gegeben werden, sich damit auseinandersetzen zu können. Es muss deutlicher vermittelt werden, dass mit diesem Instrument den Klienten besser geholfen werden kann. Dann können auch der Akzeptanzgrad bei den Mitarbeiter(innen) und die Erfolgschancen des Systems erhöht werden.
- Die Hilfeplanung als gesetzliche Verpflichtung in der „Sozialen Mindestsicherung” in Kärnten
Herr Karl Cernic, Abteilungsleiter im Sozialamt der Stadt Villach, berichtete von der Neueinführung der Sozialen Mindestsicherung in Kärnten in 2007. Die Sozialhilfe ist in Österreich länderweise geregelt, d.h. jedes Bundesland hat sein eigenes Sozialhilfegesetz. Mit der Novellierung des Gesetzes in Kärnten wurde auch eine Hilfeplanung für jeden Klienten verbindlich eingeführt, der voraussichtlich länger als drei Monate finanzieller Hilfe bedarf. Allerdings kann der Klient auf diese Hilfeplanung verzichten, was sich als eine der Schwachstellen bei der Einführung herausstellte. Mitarbeiter(innen) versuchen, schwierige Fallgestaltungen dadurch zu lösen, indem sie den Betroffenen den Verzicht auf die Hilfeplanung nahe legen, was natürlich wenig Ziel führend ist. Auch hier wurde konstatiert, dass bei den umsetzenden Mitarbeiter(innen) zunächst Widerstände überwunden werden müssen und erheblicher Schulungsbedarf besteht, um dieses neue Instrument auch gezielt so einzusetzen, dass die Leistungsempfänger davon wirklich profitieren. Erste Controlling-Ansätze wurden aufgezeigt, die aber noch weiter ausgebaut werden müssen.
- Controlling als Steuerungsunterstützung für das Management in der Arbeitsverwaltung der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens
Herr Robert Nelles, Geschäftsführender Direktor des Arbeitsamtes der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, St. Vith/Eupen, erläuterte das dort praktizierte System der Steuerungsunterstützung durch das Controlling. Interessant war zunächst überhaupt von diesem Bundesland Belgiens zu erfahren, das einmal Teil Preußens war und daher überwiegend deutschsprachige Bevölkerung aufweist. Vortrag und anschließende Gruppendiskussion konzentrierten sich in erster Linie auf die Bedeutung des Controllings für die Abstimmung zwischen bewerberorientierter und stellenorientierter Betreuung. Beide Bereiche sind organisatorisch getrennt. Die Berater(innen) der stellenorientierten Betreuung konzentrieren sich auf die Besetzung und Aquise freier Stellen, die der bewerberorientierten Betreuung auf die Beratung und Aktivierung der Arbeitssuchenden. Herr Nelles stellte zahlreiche Aktivitäts- und Leistungsindikatoren vor, die vor allem für anwesenden Controller aus den ARGEn interessant waren. Diese Indikatoren werden noch mit der so genannten analytischen Buchhaltung (vergleichbar der Kosten- und Leistungsrechnung) verbunden werden, um Aussagen zur Effizienz des Mitteleinsatzes treffen zu können.
- Demographie konkret - Herausforderungen und Handlungsoptionen für den Sozialbereich der Kommunen
Herr Carsten Große Starmann von der Bertelsmann Stiftung berichtete vom dort entwickelten „Wegweiser Demographie” - im Internet zu finden unter: http://www.wegweiserdemographie.de/ Deutschland und damit alle Kommunen in Deutschland werden von dem demographischen Wandel in den nächsten Jahren und Jahrzehnten betroffen sein. Der o.a. Internetauftritt soll einzelnen Kommunen dabei helfen einzuschätzen, in welcher Weise die Veränderung der Bevölkerungsstruktur sie ganz direkt betreffen wird. In der anschließenden Diskussion fehlte aus meiner subjektiven Einschätzung die Darstellung der soziologischen und ökonomischen Lehrmeinungen, die nicht zwingend Handlungsbedarf aus der demographischen Prognose ableiten. Es besteht immer die Gefahr, dass aus dem derzeitigen Hype um dieses Thema Ressourcen verschwendender Aktionismus entsteht. Konstruktive und sicher unbestritten seriöse Beiträge zu „anderen Seite” des Forschungsstandes findet man u.a. unter: http://www.zeit.de/themen/wissen/wissenschaft/demografie/index