Welfare and Economics

Aktuelles und Wissenswertes zur deutschen Sozialhilfe, manchmal verbunden mit ökonomischen und philosophischen Gedanken

Archiv für Februar, 2008

zur Klarstellung: Intention des Ernährungs-Selbstversuchs

Verfasst von welfareandeconomics am Mittwoch, 27. Februar 2008

 Ich möchte zu meinem am Montag angekündigten Selbstversuch, im April mit dem Ernährungsanteil im Hatz-IV-Regelsatz auszukommen, noch einmal meine Intention hier verdeutlichen und auf einige Argumente eingehen, die in der Zwischenzeit in diversen Foren der Sachbearbeiter(innen) und Leistungsberechtigten diskutiert worden sind.

Meine vorrangige Motivation ist es nicht nachzuweisen, dass man von dem Regelsatz leben kann. Das beweisen Millionen Hartzler jeden Monat aufs Neue.

Ich möchte nachvollziehen können, wie es sich mit dem Geld lebt. Wie stark muss man sich einschränken? Wie fühlt man sich, wenn am Ende der Woche / des Monats das Geld knapp wird? Kann man mit guter Planung ein vernünftiges Leben hinkriegen? Wie ist das Gefühl, wenn man Freunden sagen muss, dass man nicht mit Essen geht, weil kein Geld da ist? Macht es einen Unterschied, ob ich nur drei Kekse zum Kaffee esse (siehe Vorschlag Sarrazin) weil ich nicht will und sonst zu fett werde oder weil ich kein Geld mehr für den vierten Keks habe? Wie finde ich das, wenn ich den ganzen Monat nur Leitungswasser trinken soll, weil ich mir was „richtiges” zum Trinken nicht leisten kann?

Wegen dieser Überlegungen spielt es auch keine Rolle, ob ich mich als Vegetarier fleischlos ernähre oder Fleisch kaufen muss/will. Es wurde auch vorgeschlagen, ich solle das mindestens ein Jahr lang durchziehen - ok ich gebe zu, da passe ich, auch wenn das sicher noch lehrreicher wäre.

Man mag es mir also glauben oder nicht: Ich mein’s Ernst und nicht zynisch. Ich bin gespannt auf den Monat.

Noch eine Einladung an die Kolleg(inn)en: Ich habe im Sachbearbeiter(innen)forum die Kolleg(inn)en eingeladen, sich anzuschließen. Mache ich die Aktion allein, bleibt es meine spinnerte Idee (was auch nicht so schlimm wäre). Gäbe es eine stattliche Anzahl von Kolleg(inn)en, die einfach mal sich in einem kleinen Bereich im Leben der Kunden ausprobieren wollen, wäre das sicher ein Signal, das die Kluft überbrücken kann statt zu vergrößern (was nicht heißen soll, dass es dafür keine anderen Mittel und Wege gibt).

Veröffentlicht in Hartz-IV, Politik, sozialhilfe | Getaggt: , , , | 4 Kommentare »

Leben mit Hartz-IV - zwei Selbstversuche

Verfasst von welfareandeconomics am Sonntag, 24. Februar 2008

Ich bin leider erst heute richtig aufmerksam geworden auf die Statements von Thilo Sarrazin zum ausreichenden Sozialhilferegelsatz. Lassen wir mal die Frage dahin gestellt, ob die Aktion mit dem Speiseplan „geschmacklos” in die eine oder andere Richtung ist.

In meinem Unterricht resp. den Vorlesungen ist es mit immer wichtig, auch zu versuchen, die andere Seite des Schreibtisches mit einzubeziehen. Irgendwie sollte ein Sozialhilfesachbearbeiter schon ein gewisses Gefühl dafür haben, wie sich die Menschen fühlen, wenn sie Transferleistungen erhalten und davon leben müssen. In der nächsten Woche gibt es deswegen für einen Teil meiner Auszubildenden eine Projekttag. Sie werden in verschiedenen sozialen Einrichtungen tätig sein und dort ausdrücklich einen Perspektivwechsel einnehmen, d.h. sie werden beispielsweise als 1-Euro-Jobber ganz konkret arbeiten. Damit ich nicht unglaubwürdig wirke, werde ich mitmachen.

Nächste Woche also einen Tag Urlaub von der Arbeit und dann den Tag lang Gummistiefel an und mit den Kunden zusammen irgendwelche Gräben ausschachten. Ich werde Ende der Woche ausführlich darüber berichten. 

Heute habe ich nun die Berliner Diskussion um die Ernährung vertieft aufgenommen und bevor ich’s mir anders überlege, veröffentliche ich hier meinen Entschluss: Ich werde einen Monat lang versuchen, mit dem Regelsatzanteil für Ernährung hinzukommen.

Sarrazin errechnet 4,25 € pro Tag. Ich komme beim Nachvollziehen auf etwas andere Beträge, aber sei’s drum: ich nehme die 4,25 €. Meine Frau hat dazu keine Lust und macht nicht mit, da muss ich also den Monat über mich autark versorgen. Ich nehme den 1. bis 30. April 2008 und werde täglich hier in meinem blog über die Erfahrungen berichten und meine Einkäufe dokumentieren. Meine Studenten und Auszubildenden sind eingeladen mitzumachen und sich dem Projekt anzuschließen. 

Noch ein paar Rahmendaten: Ich bin Vegetarier und das wird sich auch in diesem Monat nicht ändern. Normalerweise kaufe ich (fast) nur Lebensmittel ohne chemische Zusätze (Geschmacksverstärker, irgendwelche E..’s, Gewürzmischungen usw.) und kaufe Backwaren ausschließlich beim Bio-Vollkornbäcker. Wir gehen relativ häufig essen, wobei dies meistens recht günstig beim Türken. Was von alldem mit Hartz-IV übrig bleibt, muss abgewartet werden. Aber gut, es ist gesagt und so soll’s sein. 

Ich werde den Monat bis dahin nutzen, meine Vorräte aufzubrauchen. Passenderweise haben wir einen Penny-Markt direkt im Haus, mal sehen, was die im Angebot haben. 

Hier noch ein paar Links zu Sarrazins Aussagen

 http://www.welt.de/berlin/article1649762/SPD-Politiker_entwickelt_Hartz-IV-Speiseplan_.html 

und der offiziellen Regelsatzermittlungs- und -berechnungsmethode 

http://www.tacheles-sozialhilfe.de/aktuelles/2005/regelsatz_01.pdf

Veröffentlicht in Politik, sozialhilfe | Getaggt: , , , | 15 Kommentare »

Bericht von der Controllertagung - 10.-12.02.1008, Berlin, Deutscher Verein

Verfasst von welfareandeconomics am Mittwoch, 13. Februar 2008

 Netzwerktagung Controlling in der Sozial- und Jugendhilfe und in der Vermittlung in Arbeit 

Ich möchte hier von der diesjährigen Controllertagung in Berlin berichten. Mindestens einmal im Jahr treffen sich Controller aus der Sozial- und Jugendhilfe und den SGB II-Trägern aus ganz Deutschland - und dieses Mal auch aus dem deutschsprachigen Ausland - zu einer Tagung unter der Leitung des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V., Berlin, kurz: Deutschen Verein. Ziel dieser Tagungen ist der Austausch über unterschiedliche Ansätze des Controllings und die Bildung von Netzwerken unter den Controllern. In diesem Jahr wurden folgende Themen bearbeitet: 

  • Controlling als Steuerungsaufgabe des Managements - Vom Aufbau eines Steuerungskreislaufs und der Bedeutung von Kennzahlen am Beispiel des Sozialdezernats des Landkreises Osterholz

Frau Heike Schumacher, Sozialdezernentin des Kreises Osterholz, berichtete von dem dort installierten Steuerungskreislauf, mit dem die zwischen Politik und Verwaltung vereinbarten strategischen Ziele auf die operative Ebene herunter gebrochen werden. In einem so genannten Kontrakt werden für einen längeren Zeitraum (in der Regel angelehnt an die Dauer der Wahlperiode des Rates) strategische Ziele zwischen der Politik und der Verwaltung vereinbart. Diese strategischen Ziele sind sehr allgemein gehalten und geben die Richtung vor (bspw.: Wiedererlangung und Sicherung der finanziellen Handlungsfähigkeit, Ausbau von Wirtschafts-, Beschäftigung- und Tourismusförderung oder Bürgerorientierte Verwaltungsmodernisierung). Aus diesen strategischen Zielen müssen im Folgenden konkrete Arbeitsschritte abgeleitet werden. Ein Ziel ist allerdings nur dann steuerungsrelevant, wenn die Zielerreichung oder deren Grad auch gemessen werden kann. Daher müssen neben konkreten Handlungsschritten auch Indikatoren benannt werden, anhand deren die Zielerreichung beurteilt werden kann. Damit sind dann auch schon die eigentlichen Aufgaben eines strategischen und operativen Controllings benannt. Beim Kreis Osterholz werden die strategischen Ziele aus dem Kontrakt in Kontraktziele für das jeweilige Dezernat herunter gebrochen (bspw. Reduzierung der Bedarfsgemeinschaften SGB II, Senkung der Quote sprachförderungsbedürftiger Kinder, Steigerung der Abiturquote, Senkung der Schulabbrecherquote - jeweils mit Festlegung einer bestimmten Zielquote). Diese Ziele sollen dann erreicht werden. Um sie zu erreichen werden Handlungsschwerpunkte festgelegt, womit der letzte Schritt getan ist, um aus einer allgemeinen Zielvorgabe konkrete Handlungen für die Verwaltung abzuleiten. So genannte Erfolgsfaktoren messen unterjährig, wieweit ein Handlungsschwerpunkt bereits erfüllt worden ist. So selbstverständlich die in diesem Beitrag aufgezeigten Schritte aus Sicht eines Controllers sind, so schwierig sind sie einzuhalten, wenn flächendeckend und kontinuierlich daran gearbeitet werden soll. Für die öffentliche Verwaltung stellen diese Schritte immer noch vielfach „Neuland” dar.  

  • Casemanagement und Controlling in der Sozialarbeit beim Bürgerservice Leben im Alter bei der Stadt Stuttgart

Frau Silvia Schaal, Projektleiterin im Sozialamt der Stadt Stuttgart, berichtete von der Einführung des oben genannten Casemangements (CM). Der Beitrag war neben den beiden folgenden einer der Beiträge, die am zweiten Tag in Workshops diskutiert wurden. Ziel der Einführung des CM ist es, älteren Menschen mit multiplen komplexen Probemlagen (Sucht, Obdachlosigkeit, Verschuldung, etc.) anhand freiwillig vereinbarter Ziele die erforderlichen Hilfen zukommen zu lassen. Dabei sollen die individuellen Bedürfnisse der Klienten berücksichtigt werden und die Hilfen in fachlich abgesicherte Weise aufeinander abgestimmt werden. Konzeptionell ist das CM in vier Phasen gegliedert: Assessment (Beschreibung des IST-Zustandes), Hilfeplanverfahren (Vereinbarung individueller Ziele), Kontraktmanagement (Organisation der einzelnen Hilfen) und Monitoring (Überprüfung der Zielerreichung). Die betroffenen Sozialarbeiter wurden verpflichtet, dieses CM einzuführen und anhand festgelegter Fälle zu erproben. Die Projektleitung evaluierte die Einführung nach drei Monaten durch Befragung der betroffenen Mitarbeiter(innen) und einer Aktenanalyse. Der Vortrag stellte in erster Linie die Ergebnisse der Evaluation dar. Diese zeigten sich durchaus kritisch und im Plenum wurde nach Problemen, Ursachen und Lösungsansätze für die aufgezeigte Probleme bei der Installation des neuen Instrumentes gesucht. Ein entscheidendes Ergebnis war, dass der Prozess zu stark „top-down” statt „bottum-up” eingeführt wurde. Der Überprüfungszeitraum von drei Monaten ist sicher auch zu kurz, um endgültige Erfahrungen darstellen zu können. Ganz deutlich wurde aber auch, dass durch die Einführung dieses Instruments ein „Paradigmenwechsel” in der Sozialarbeit hin zu zielorientierten, verbindlichen und überprüfbaren Hilfeangeboten stattfinden. Das muss aber deutlich gemacht werden und den Mitarbeiter(innen) muss ausreichend Gelegenheit gegeben werden, sich damit auseinandersetzen zu können. Es muss deutlicher vermittelt werden, dass mit diesem Instrument den Klienten besser geholfen werden kann. Dann können auch der Akzeptanzgrad bei den Mitarbeiter(innen) und die Erfolgschancen des Systems erhöht werden. 

  • Die Hilfeplanung als gesetzliche Verpflichtung in der „Sozialen Mindestsicherung” in Kärnten

Herr Karl Cernic, Abteilungsleiter im Sozialamt der Stadt Villach, berichtete von der Neueinführung der Sozialen Mindestsicherung in Kärnten in 2007. Die Sozialhilfe ist in Österreich länderweise geregelt, d.h. jedes Bundesland hat sein eigenes Sozialhilfegesetz. Mit der Novellierung des Gesetzes in Kärnten wurde auch eine Hilfeplanung für jeden Klienten verbindlich eingeführt, der voraussichtlich länger als drei Monate finanzieller Hilfe bedarf. Allerdings kann der Klient auf diese Hilfeplanung verzichten, was sich als eine der Schwachstellen bei der Einführung herausstellte. Mitarbeiter(innen) versuchen, schwierige Fallgestaltungen dadurch zu lösen, indem sie den Betroffenen den Verzicht auf die Hilfeplanung nahe legen, was natürlich wenig Ziel führend ist. Auch hier wurde konstatiert, dass bei den umsetzenden Mitarbeiter(innen) zunächst Widerstände überwunden werden müssen und erheblicher Schulungsbedarf besteht, um dieses neue Instrument auch gezielt so einzusetzen, dass die Leistungsempfänger davon wirklich profitieren. Erste Controlling-Ansätze wurden aufgezeigt, die aber noch weiter ausgebaut werden müssen. 

  • Controlling als Steuerungsunterstützung für das Management in der Arbeitsverwaltung der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens

Herr Robert Nelles, Geschäftsführender Direktor des Arbeitsamtes der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, St. Vith/Eupen, erläuterte das dort praktizierte System der Steuerungsunterstützung durch das Controlling. Interessant war zunächst überhaupt von diesem Bundesland Belgiens zu erfahren, das einmal Teil Preußens war und daher überwiegend deutschsprachige Bevölkerung aufweist. Vortrag und anschließende Gruppendiskussion konzentrierten sich in erster Linie auf die Bedeutung des Controllings für die Abstimmung zwischen bewerberorientierter und stellenorientierter Betreuung. Beide Bereiche sind organisatorisch getrennt. Die Berater(innen) der stellenorientierten Betreuung konzentrieren sich auf die Besetzung und Aquise freier Stellen, die der bewerberorientierten Betreuung auf die Beratung und Aktivierung der Arbeitssuchenden. Herr Nelles stellte zahlreiche Aktivitäts- und Leistungsindikatoren vor, die vor allem für anwesenden Controller aus den ARGEn interessant waren. Diese Indikatoren werden noch mit der so genannten analytischen Buchhaltung (vergleichbar der Kosten- und Leistungsrechnung) verbunden werden, um Aussagen zur Effizienz des Mitteleinsatzes treffen zu können. 

  • Demographie konkret - Herausforderungen und Handlungsoptionen für den Sozialbereich der Kommunen

Herr Carsten Große Starmann von der Bertelsmann Stiftung berichtete vom dort entwickelten „Wegweiser Demographie” - im Internet zu finden unter: http://www.wegweiserdemographie.de/ Deutschland und damit alle Kommunen in Deutschland werden von dem demographischen Wandel in den nächsten Jahren und Jahrzehnten betroffen sein. Der o.a. Internetauftritt soll einzelnen Kommunen dabei helfen einzuschätzen, in welcher Weise die Veränderung der Bevölkerungsstruktur sie ganz direkt betreffen wird. In der anschließenden Diskussion fehlte aus meiner subjektiven Einschätzung die Darstellung der soziologischen und ökonomischen Lehrmeinungen, die nicht zwingend Handlungsbedarf aus der demographischen Prognose ableiten. Es besteht immer die Gefahr, dass aus dem derzeitigen Hype um dieses Thema Ressourcen verschwendender Aktionismus entsteht. Konstruktive und sicher unbestritten seriöse Beiträge zu „anderen Seite” des Forschungsstandes findet man u.a. unter: http://www.zeit.de/themen/wissen/wissenschaft/demografie/index

Veröffentlicht in sozialhilfe | Getaggt: , , , , | Keine Kommentare »