Welfare and Economics

Aktuelles und Wissenswertes zur deutschen Sozialhilfe, manchmal verbunden mit ökonomischen und philosophischen Gedanken

Perspektivwechsel I: einen Tag als 1-Euro-Jobber

Verfasst von welfareandeconomics am Sonntag, 2. März 2008

Am letzten Donnerstag haben meine Auszubildenden und ich nun den Tag zusammen mit den 1-€-Jobbern auf der Baustelle verbracht.

Der Tag begann – wie erartet – mit eher skeptischen Beäugen. Die Azubis trauten sich noch nicht so richtig ran und harrten auf dem Sammelplatz in einiger Entfernung der Dinge, die da kommen mochten. Die Arbeiter konnten den ungewohnten Anblick der Mädels auf dem Platz auch noch nicht so richtig einordnen. Nun gut, Arbeitseinteilung und dann auf zur Baustelle. Wir haben mit einem Trupp an einem Gewässerprojekt gearbeitet und da die Böschungen eines renaturierten Bachlaufs gesichert.

Für die Azubis war die körperliche Arbeit schon etwas ungewohnt, für mich war das jetzt nicht so der bleibende Eindruck. Es war etwas mühsam, mit den Arbeitern ins Gespräch zu kommen, aber es gelang schließlich doch. Leider waren die Arbeiter bei uns in der Unterzahl, da sie nur zu dritt waren, die Azubis hingegen zu fünft. Bei einer Wiederholung des Projektes werde ich darauf achten, dass es nicht wieder zu so einer Häufung kommt, weil dann die Gefahr besteht, dass die Gruppen unter sich belieben und sich nur wenige Gespräche ergeben (was ja dann doch das Ziel des Tages sein sollte). Aber wie gesagt: Wir kamen schließlich doch noch alle zusammen gut ins Gespräch. Nicolai, Werner und Dieter waren mittlerweile alle keine „echten“ 1-Euros mehr. Sie sind alle drei gleich Anfang 2005 mit dem 1-€-Job angefangen und wurden dann in eine befristete sozialversicherungspflichtige Beschäftigung übernommen. Entsprechend war auch ihre Einstellung zu den Arbeitsgelegenheiten (AGH – der Fachausdruck für den umgangssprachlichen Begriff der 1-€-Jobs). Alle drei waren rundum zufrieden mit der Maßnahme. Für sie habe sich dadurch eine Gelegenheit ergeben, aus der Arbeitslosigkeit raus zu kommen. „Zu Hause fällt einem sonst doch nur die Decke auf den Kopf.“ Das ist das, was Ralf Dahrendorf mal in einem Interview zum Thema „working-poor“ gesagt hat: „Besser working-poor als einfach nur poor.“ 

Werner erzählte von seinen Erfahrungen als 55-Jähriger auf der Suche nach Arbeit im Landschaftsbau. Trotz diverser Qualifikationen findet er wegen seines Alters nichts mehr. Daran wird auch die derzeitige Maßnahme nichts ändern, denn nach deren Ablauf ist er wieder drei Jahre älter und dementsprechend noch schlechter vermittelbar. Dieter ist mittlerweile Vorarbeiter und mit Mitte 40 auch jünger. Wenn er nicht bleiben kann, sind seine Chancen sicher nicht schlecht, was zu bekommen. Nicolai war sehr ruhig und spricht kaum deutsch. Über seine Gedanken und Hintergründe haben wir kaum etwas erfahren können. Natürlich haben wir auch aus aktuellem Anlass über den Speiseplan von Herrn Sarrazin und die 4,25 € / Tag gesprochen. Werner und Dieter waren sich einig, dass man als Single mit 4,25 € gut hinkommt. „Kaufst du Dir im Lidl nen Graubrot für 60 Cent und noch nen Toast für 50 Cent, da hast Du erstmal für drei Tage was.“ „Wenn man es sich einteilt, kann man jeden Tag noch nen bisschen was weglegen, für den Frühschoppen am Sonntag.“ Sicher, Zigaretten sind da nicht drin. Auf die wollte aber auch keiner auf der Baustelle verzichten. Überschlägig betrachtet wurden an dem Tag sicher mehr Zigaretten geraucht, als Böschungspfähle eingeschlagen. Keiner erwähnte aber, dass der Regelsatz nicht ausreichte. Werner arbeitet nun also den ganzen Tag für 250 € monatlich netto mehr, als wenn er zu Hause bleiben würde. Aber das war ihm Recht, auch wenn einige seiner Kumpels sagen, dass sie dafür nicht arbeiten gehen würden. Dieter rechnete mir gleich zu Beginn des Tages vor, dass man das mit dem 1-€-Job doch gar nicht so sehen dürfte: „In Wirklichkeit bekommt man doch nicht nur einen Euro, sondern viel mehr pro Monat.“ Mit dem Stichwort ‚Zwangsarbeit’ konnte trotz mehrfachen Nachfragen keiner was anfangen. 

Vorläufiges Resümee: So ein Job ist durchaus auszuhalten, da macht sich keiner kaputt. Klar, Dieter der Vorarbeiter sagt: „Mit den Älteren läuft’s, aber die 20 – 30-Jährigen haben in der Regel kein Bock. Die nehmen einen Tag lang ein paar Steine in die Hand und sagen dann: ‚Das kannste vergessen. Mach Deinen Kram alleine.’“ Für die, die willig sind, bringt so eine Maßnahme durchaus etwas (wobei klar ist, dass das nicht auf jede AGH bundesweit zutreffen wird). Wer unwillig ist, bekommt eine Sanktion. Das ist wohl auch notwendig, denn selbst die drei vom Donnerstag gaben an, dass die Gefahr einer 30%igen Kürzung einen Großteil der Motivation ausmachte, überhaupt anzutreten. 

Was hat’s gebracht? Für mich persönlich auf jeden Fall die Erfahrung des Perspektivwechsels, aber auch das Wissen, dass nichts Unzumutbares gefordert wird und der Nutzen einer solchen Maßnahme von den Einzelnen, nicht aber von den Sachbearbeitern abhängt. Für die Azubis war es auf jeden Fall eine Erfahrung, an die sie sich zukünftig am Schreibtisch der ARGE erinnern werden. Für Werner, Dieter und Nicolai hat es hoffentlich den Eindruck gebracht, dass auch Sachbearbeiter Menschen sind und man mit denen ganz gut klar kommt, wenn jeder den anderen respektiert. 

Eine Antwort zu “Perspektivwechsel I: einen Tag als 1-Euro-Jobber”

  1. ETiTho sagte

    Hey, ich find es echt cool, wenn Leute solche Aktionen machen, wie eben diesen Perspektivwechsel. Ich gehe mal davon aus, dass deine Azubis da einige bleibende Eindrücke mitgenommen haben. Außerdem können Leute, die das mal gemacht haben viel besser über derartige Jobs urteilen. Ich fände es gut, wenn auch alle Bundestagsabgeordneten mal so Sachen machen, damit sie sehen, wie sich ihre Politik in der Realität auswirkt.
    Gruß
    ET

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