Welfare and Economics

Aktuelles und Wissenswertes zur deutschen Sozialhilfe, manchmal verbunden mit ökonomischen und philosophischen Gedanken

Selbstversuch – Leben mit Hartz-IV: 13. Tag

Geschrieben von welfareandeconomics - Sonntag, 13. April 2008

Ja, unter der Woche sparen ist nicht so das Problem, aber das Wochenende kostet dann wieder. Heute haben wir Brötchen gebacken, da wir gestern ja keine Gelegenheit zum einkaufen hatten. Es gab Quarkbrötchen (500 gr Quark 0,49 €, 2 Eier 0,24 €, 50 ml Milch 0,07 €, 2 x Backpulver 0,05 €, 50 ml Öl 0,10 €, 100 gr Zucker 0,09 €400 gr billiges Auszugsmehl 0,18 €, 400 gr teures Vollkornmehl 0,76 € = 1,98 €, geteilt durch 2 = 0,99 €, daraus 6 Brötchen = 0,165 € je Brötchen) – viel Spaß beim Nachbacken. Am Freitag gabs auf dem Markt noch eine Tüte mit 8 Bio-Brötchen vom Vortag für 2 € (= 0,25 € je Brötchen, die Brötchen haben wir eingefroren).

Frühstück: 2 Quarkbrötchen (0,33 €), 1 Mehrkornbrötchen (0,25 €), Marmelade (war alle, neue Dose, Sonderangebot gab es nicht mehr: 0,85 €), 1 Scheibe Käse (0,20 € – den kann ich auch nicht mehr sehen, aber den teuren von der Käsetheke kann ich mir halt nicht leisten), 1 Frischkäse (Mann, teurer geworden, jetzt 1,15 € für 6 Stück = 0,19 €), 20 gr NN-Creme (0,20 €)

Zum Frühstück habe ich diesen schönen Artikel gelesen: 

http://www.zeit.de/2008/16/Waehler-als-Opfer – passt ganz gut hierher, oder?

zwischendurch: 1 Brötchen (0,25 €), 1 selbst gebackenes (0,165 €), 1 Scheibe Käse (0,20 €), Marmelade

Tee: 2 Kannen (0,06 €)

Abends: Salat mit Pommes, dafür hatten wir Freitag eingekauft. Mann, Einkauf im real kann man sich von dem Budget einfach nicht leisten! (3 Paprika 2,19 €, Tomaten 0,50 €, baked beans 1,49 €, Schafskäse 1,59 €, Öl, Gewürze 0,30 €, 1 Zwiebel, 0,10 €, Pommes 1,49 €; zusammen 7,66 €, durch 2 = 3,83 €)

Saldovortrag: +3,31 €; +4,25 €; Tageskosten: -6,52 €; Saldo: +1,04 €

Das war ein Luxuswochenende, das geht nicht so weiter, der Monat ist noch nicht mal halb rum…

3 Antworten zu “Selbstversuch – Leben mit Hartz-IV: 13. Tag”

  1. wimscha sagte

    Ein paar Anmerkungen zu dem Selbstversuch, der meines Erachtens neben aller theoretischen Kritik, die man an sowas üben kann, praktische Erkenntnisse hervorbringen dürfte, die die Frage der Regelleistungsdiskussion voranbringen können. Es liegt dann zumindest ein individuell überprüfbarer “Haushaltsplan” vor, den man unter ernährungsphysiologischen, lebensweltbezogenen und vermutlich noch ein paar weiteren Aspekten sofort “vernichtend” in die Tonne treten kann, aber es sei hier an die Untersuchungen von Stahlmann (in den 80er Jahren glaube ich) zum alten BSHG-Regelsatz erinnert, der damals auch über Selbstversuche (von Studenten) wichtige Erkenntnisse geliefert hat (die aber damals auch in Grund und Boden kritisiert worden sind).

    Die Schlussbemerkung zum “Luxuswochenende” ist wichtig: Wie wirkt sich (überflüssige/ungefüllte) Zeit auf das Essverhalten aus? Wenn man sich “Essen aus Langeweile” (das wäre auch unter dem Aspekt “Arbeit-Arbeitslosigkeit” zu betrachten) nicht leisten kann (oder mit dem Defizit in anderen Bereichen erkaufen muss). Und jeder “Planungsfehler” beim Einkauf wird bitter bestraft.

    Die individuelle Prägung von Ernährung dürfte ein ganz wesentlicher Punkt sein, der in diesem Versuch auch deutlich wird: Ein gesundes Ernährungsverhalten ist vermutlich in der Gesamtbetrachtung zu einem SGB II Budget kompatibler als ein “normales” Ernährungsverhalten, das ja eher von Zufälligkeiten und “gedankenlosem” (im Sinne von nicht vor jedem Einkauf und jeder Mahlzeitzubereitung budgetierend nachdenken zu müssen) Essen geprägt ist. Vermutlich spielt auch die “Ernährungssozialisation” eine Rolle; diese Faktoren, die sich zumindest nicht kurzfristig umstellen lassen (und dem von der Lebensmittelbranche favorisierten “konsumptiven Menschenbild” keineswegs entsprechen), gehen aber in die Berechnung der Regelleistung nicht ein.

    Zur Frage von Plus und Minus in der Tagesbilanz zwei Anmerkungen:
    Eine “psychologische” bezieht sich auf die Schilderungen des “Lust auf was anderes zu haben” und die Kinosituation. Ist nicht bei einem solchen Versuch die “Versuchung” einzubeziehen (und dann gegenüber dem rein rationalen Vorgehen zumindest einmal zu realisieren) und mit einem Plus von 5 € tatsächlich mal über die Stränge zu schlagen (man könnte davon entweder doch den Luxusdöner nehmen oder – ganz was anderes – sich die neue Ausgabe von “Essen und Trinken” kaufen, wo vielleicht gerade die Rezepte für Sparvorschläge bei einer gesunden Frühlingsdiät vorgestellt werden).
    Als “haushalterische” Anmerkung: Ein solches Plus kann auch genutzt werden, um Defizite in anderen Bereichen auszugleichen; im April ist – falls Arztbesuch notwendig – die Praxisgebühr fällig, die auf keinen Fall anteilmäßig in der Regelleistung enthalten ist. Der Verweis auf die Ansparleistungen und den Ausgleich über das Gesamtjahr kann man hier anführen, er trägt aber nur, wenn keine grundlegende Störung passiert, also solche Budgetverschiebungen immer ausgeglichen werden können. Damit stellt sich die Frage, ob Menschen, die grundsätzlich wenig Geld zur Verfügung haben (und oftmals noch verschuldet sind) solche Budgetfähigkeiten besitzen (oder leben können). Sollte Armut/geringe finanzielle Mittel tatsächlich die Budgetfähigkeit erhöhen (was ich bezweifle), dann wäre das ein feines Argument für Reichensteuer, Beschneidung von Managementgehältern etc.

    Das Thema “Verlust”. Im alten Warenkorb gab es m.W. einen Zuschlag (2% ?) für “Schwund und Verderb”. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Marge noch in der EVS berücksichtigt wird (und es hat auch keine große Bedeutung in der Gesamtbetrachtung). Aber genau wieder im Einzelfall ist es doch für die Budgetierung eine Katastrophe, wenn ich z.B. feststelle, dass das gekaufte Brot oder Obst teilweise verschimmelt ist. Andere Situation: Beim Zubereiten von Essen wird aus Unachtsamkeit was verschüttet oder es brennt was an oder es ist wirklich etwas ungenießbar. Kommt alles nicht regelmäßig vor, ist aber im konkreten Fall dann eine “Budgetkatastrophe”. Ein weiterer Hinweis darauf, wie unterschiedlich eine “pauschalierte Leistung” im Einzelfall wirken kann und welche “Randbedingungen” eigentlich zu betrachten sind, wenn es wirklich um eine individuelle Bedarfsdeckung gehen soll (was aber laut Gesetzgeber beim SGB II nicht mehr vorgesehen ist!).
    Falls solche Erfahrungen beim Selbstversuch gemacht werden, wäre eine “Einordnung” sehr erkenntnisbringend (bei Familien mit Kindern wäre hier z.B. das Problem “heimliches Naschen” zu betrachten und wie bzw. ob entsprechende “pädagogische” Probleme, die dabei auftreten können, überhaupt noch budgetmäßig erfasst werden können).

    Thema “bereite Mittel”. Der Selbstversuch funktioniert, da die Budgetmittel tatsächlich zur Verfügung stehen. Was aber, wenn die Sparkasse mitteilt, dass die Überweisung nicht eingegangen ist (oder erst am Nachmittag festgestellt wird)? 2 Euro verloren oder beim Wechselgeld 50 Cent Falschgeld erhalten?. Alles nur Kleinigkeiten, die aber in der Relation Bedeutung erhalten.

    Zum Schluss: Fast alle sozialen Kontakte sind mit einer Geldausgabe verbunden, die in der überwiegenden Zahl der Fälle auch mit Essen und Trinken zu tun hat. Selbst wenn man nicht selbst einlädt, erfordert die Teilnahme selbst an den kleinen alltäglichen Kontakten Ausgaben (Kaffeekasse), denen man sich meist nur durch “Abstand” entziehen kann. Man spart zwar, aber es tritt unweigerlich eine Isolation ein.

    Soweit mal ein paar Gedanken zum Selbstversuch. Herr Sarrazin hat behauptet, dass man von dem Ernährungsanteil Regelleistung leben kann – hier wird ein (nicht repräsentatives) Ergebnis vorliegen, ob bzw. wie eine Person damit zurechtkommt. Ich glaube, dass das dem “Streben” nach einer einigermaßen angemessenen Grundsicherung viel mehr gerecht wird, als die abstrakten Debatten, die – wenn sie nicht rein politisch zu einem (dann meist restriktiven) Ergebnis gebracht werden – doch wieder vor Gericht beim “weiten Ermessensspielraum des Gesetzgebers” landen, der für den Einzelfall nur über die konkrete Praxis aufzubrechen ist.

  2. Ernährung mit dem Regelsatz. Ein Selbstversuch…

    Hartz-4-Ernährung: das Geld ist knapp, muss ich etwas ändern oder der Staat? Die Frage wird oft gestellt und beantwortet, bevor das Thema ausreichend bekannt ist.
    Sind die finanziellen Ressourcen begrenzt, merkt man das auch – und ganz direkt…

  3. welfareandeconomics sagte

    Ich möchte nun auf den Kommentar von wimscha hier eingehen. Da ich den Autor persönlich kenne, freue ich mich besonders, dass es eine Rückmeldung gibt, die die Aktion nicht in Bausch und Bogen verurteilt, sondern sich ernsthaft damit auseinandersetzt.

    zum Essen in „unausgefüllter Zeit“:
    Ganz klar, das würde ich auch als ein Problem ansehen. Wenn ich morgens aufstehe, meine 3 Scheiben Brot und 4 Tassen Kaffee trinke, bin ich bereit für den Tag. Wenn dieser Tag aber nichts von mir will, was dann? Ich persönlich könnte mir nicht vorstellen, dann resigniert aufs Sofa zurückzusinken und mir was zu essen zu suchen. Die Gefahr dazu sehe ich aber schon. man muss was zu tun haben. Wer nichts zu hat, kriegt eher Hunger als der Vielbeschäftigte.

    „Planungsfehler beim Einkauf“ / „Budgetfähigkeit“
    Wieder klar: Diese dürfen nicht passieren oder werden körperlich verspürt. das geht mir auch so, siehe den pampigen Milchreis aus der ersten Woche. Das geht dann in die Richtung der „Budgetfähigkeit“. Meine derzeitige Ernährungsform erfordert ein Höchstmaß an Selbstdisziplin, auch für mich. Meine Motivation dafür ist dieser versuch hier und die Tatsache, dass ich mittlerweile dabei von mehr als 1000 Leuten täglich beobachtet werde. Ein „echter“ H4-Empfänger hat diese Motivation nicht, er hat nur den Druck der fehlenden Geldmittel, was die Sache erheblich frustrierender machen dürfte, als sie so schon ist.

    „Verlust / Verderb im Regelsatz“
    Nach Umstellung von Warenkorb auf Statistikmodell ist für solche Bedarfe natürlich nichts mehr vorgesehen, weil jemand in einer statistischen Erhebung angeben wird, dass er jeden Monat 5 € für verdorbene Lebensmittel ausgibt. Er gibt nur an, wie viel er für Lebensmittel ausgibt, da ist Verderb dann eben drin enthalten.

    „bereite Mittel“
    Sind Mittel nicht bereit, wird gehungert – so wie bei mir, als ich an der Fachhochschule feststellen musste, dass die Mensa schon zu hatte. Hungern heißt aber auch sparen, was ich heute nicht ausgebe, habe ich morgen noch.

    „soziale Kontakte kosten Geld“
    Das ist ganz klar. Man beachte in diesem Zusammenhang den Spiegel-Artikel, den ich heute eingestellt habe.

    Meine Frage an wimscha – und alle anderen, die sich die Mühe einer Anmeldung hier machen wollen: Was folgt für Sie persönlich aus Ihren Anmerkungen? Erhöhung des Regelsatzes? Auf wie viel? Und denken Sie, dass damit die angesprochenen Probleme gelöst werden ohne gleichzeitig neue, noch größere Probleme auszulösen?

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