Selbstversuch - Leben mit Hartz-IV: 25.-27. Tag
Verfasst von welfareandeconomics am Sonntag, 27. April 2008
So, ich bin zurück und werde hier von allen drei tagen in einem Beitrag berichten. Ich hatte ja nun ein Plus von 8,08 € mit in den Norden genommen, das schmolz aber wie Eis in der Frühlingssonne und nun bin ich im Minus. Ich habe immer überlegt, was ich in der tatsächlichen Situation machen würde. Absagen oder Zähne zusammen beißen? Ernährung außer Haus ist jedenfalls äußerst schwierig mit den paar Kröten - das hätte man sich natürlich auch denken können - so, wie man sich sicherlich auch alle anderen Erlebnisse dieses Monats hätte denken können. Denken und machen ist aber was anderes und gibt auch einen anderen Eindruck. Natürlich bin ich froh, dass der Monat in drei tagen vorbei ist und dann werde ich noch froher sein, Arbeit und damit auch mehr Geld zu haben. Ich bin aber auch zufrieden, dass ich es gemacht habe, weil die Erfahrungen auch interessant waren (auch die Erfahrung bei Tacheles, dass man es nie allen Recht machen kann, es aber immer auch ein paar wenige gibt, die sich bemühen, schlich zu bleiben).
na gut, es ist schon spät und ich habe viel aufzulisten - zur Bilanz der letzten drei Tage:
Freitag:
1 Möhrenbrötchen vom Vortag 0,40 €, 1 Sonnenblumenkernbrötchen vom Vortag 0,35 €, 2 Scheiben Käse 0,40 €, 1 kleine Flasche Wasser 0,12 €, 1 Kaffee (instant) 0,20 €, 5 Scheiben Brot 0,65 €, 1/2 Flasche Cola (hatte ich mir gegönnt, weil ich dachte, ich hätte ein gutes Polster…) 0,45 €, 6 Tofu-Würstchen 2,19 €, restliche NN-Creme 1,50 €, einige Sherry-Tomaten 0,50 €
Saldovortrag: +8,08 €; +4,25; Tageskosten: -6,76 €; Saldo: +5,57 €
Samstag:
(Heute habe ich einfach ganz normal eingekauft - außer dass ich sonst natürlich abends essen gegangen wäre - weil ich dachte, ich hätte genug Geld. das bittere Erwachen kam erst abends, als ich die Liste durchging….)
3 Brötchen 1,64 €, 1 Dose Aufstrich (ist noch ein Rest von da) 1,49 €, 2 Kaffee 0,40 €, NN-Creme (schon bezahlt), einige Möhren 0,15 €, 7 Scheiben Bio-Honigkuchen 0,70 €, 5 Scheiben Brot 0,65 €, 6 Tofu-Würstchen 2,19 €, Senf 0,40 €, Rest Cola 0,45 €, 9 Bio-Butterkekse 0,63 €, 1 abgepackter Salat 1,99 €, Dressing dazu 0,50 €
Saldovortrag: +5,57 €; +4,25; Tageskosten: -11,19 €; Saldo: -1,37 € (das kam in erster Linie von den teuren Keksen und dem Salat…)
Sonntag:
das mitgebrachte Brot war alle, da habe ich im Supermarkt Bio-Brot gekauft, 5 Scheiben 0,85 €, 1 Brötchen 0,55 €, 1 Kaffee 0,20 €, 3 Tee 0,04 €, zu Hause dann eine Pita 2,50 € (Mist, ist auch wieder teurer geworden…), 4 Scheiben Toast 0,28 €, 70 ml Rübensirup 0,17 €
Saldovortrag: -1,37 €; +4,25; Tageskosten: -4,59 €; Saldo: -1,71 €
Tja, ist das der Beweis, dass ich es nicht geschafft habe? Was wollte ich eigentlich schaffen? Ich wollte sehen, wie es ist. Und was sehe ich von dem Wochenende? Die “Disziplinlosigkeit” vom Samstag hat mich zurückgeworfen. Das wird sich nun rächen. Klar, was ich nun in den letzten drei Tagen essen (muss), ist sicher nicht repräsentativ. Aber das sollte es nie sein. Ich werde nun noch einmal sehen, wie es ist, wenn man die letzten Kröten zusammenkratzen muss, um bis zum Zahltag damit durchzukommen.
Ich könnte jetzt ja auch mal zur Abwechslung rückwärts weiter rechnen:
3 tage à 4,25 € = 12,75 €; - 1,71 € - ich habe also noch 11,04 € bis zum Monatswechsel….
Montag, 28. April 2008 um 1111:31
Ach Herr Ruschmeier!
Ihr Experiment ist, im besten Falle, unseriös, man könnte es auch weniger freundlich formulieren…
>>”Ich habe immer überlegt, was ich in der tatsächlichen >>Situation machen würde. Absagen oder Zähne zusammen beißen?”.
Als Leistungsbezieher der Verarmungspauschale H4 würden Sie vermutlich in diese Situation überhaupt nicht kommen, da sich ein “erwerbsfähiger Hilfebedürftiger” gar keine Fahrt von Bielefeld nach “in die Nähe von Hamburg” leisten könnte!
Diese würde nämlich mindestens 30 € (Wochenend-Ticket) kosten und das ist doppelt soviel, wie einem eHB für den ganzen Monat an “Mobilitätskosten” zugestanden wird.
Merke: Mobilität und sonstige Teilnahme an sozialen Leben wird einem Leistungsbezieher nicht zugestanden.
Ich finde Ihr Experiment überhaupt sehr widersprüchlich:
Auf der einen Seite ernähren Sie sich derart unausgewogen (fast jeden Tag Nudeln mit Ketchup), dass ein Ernährungswissenschaftler die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, auf der anderen Seite kaufen Sie sich Lebensmittel, die kein “Hartzie zuvor gesehen” hat, geschweige denn kaufen könnte, oder würde (Bio-Brot für 4 € oder Brötchen für 0,80 €), der gemeine Durchschnittshartzie muss sich mit trockenem und weitgehend geschmacklosen Fabrik-Vollkornbrot für 0,50 € von ALDI begnügen…naja allemal gesünder als Nudeln mit Ketchup.
Ich würde gerne mal wissen, was sie einem Leistungsbezieher antworten würden, wenn der Sie fragen würde “wie soll ich mit den paar Kröten nur mein Biobrot und meine Tofu-Würstchen bezahlen?”. Innerlich würden Sie vermutlich denken “soll der faule Kerl doch arbeiten gehen und nicht auf Steuerzahlerskosten teures Biofutter fr…..” Vielleicht denken Sie auch etwas gewählter, aber vom inhaltlichen Gehalt wirds sicher stimmen.
Antworten würden sie dem HartzIV-beziehenden Bio-Jünger dann vermutlich: “guter Mann, der Regelsatz soll nur das Lebensnotwendigste abdecken und teure Biolebensmittel gehören nicht dazu, die kann sich ein Normalverdiener auch nicht leisten”.
Tja und da fragt man sich, warum haben Sie während Ihres Experiments nicht konsequent auf diese teuren Lebensmittel verzichtet? also auf etwas, was Sie keinem Leistungsbezieher zugestehen würden?!
Eine weitere Frage die ich mir stelle ist, wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie sich dauerhaft auf diese Art und Weise ernähren müssten? es macht schon einen großen Unterschied, ob man diese Lebensweise nach 4 Wochen beenden kann und wieder gut leben kann, oder ob man langfristig oder gar dauerhaft auf diesem untersten Niveau existieren, viele Betroffene sagen vegetieren, muss.
Denn üblicherweise dauert eine “HartzIV-Existenz” mehre Jahre, trotz des angeblichen “Jobwunders”, das für Verharzte nur aus dem vermehrten Angebot von 1-Euro-Jobs besteht, die ja, streng genommen, gar keine Jobs sind, denn für einen “Job” bekommt man Lohn bezahlt, für die Zwangsarbeit gibts nur einen pauschalierten Unkostenersatz.
Noch ein Tipp: Sie sollten vielleicht mal ins Auge fassen, das Experiment auch auf andere Teile des Regelsatzes auszudehnen. Dann würden Sie nämlich zu der Erkenntnis kommen, dass Sie sich mit dem Regelsatz kein “zivilisiertes Leben” mehr leisten können, und damit meine ich nicht nur Ihre allabendlichen Gastronomiebesuche, sondern dass Sie ausgegrenzt werden, weil Sie eigentlich nur noch zuhause hocken können, mangels finanzieller Möglichkeiten etwas zu unternehmen, mit Ihren Freunden zum Beispiel (falls Menschen Ihres Schlages überhaupt welche haben oder benötigen).
PS: Ich hoffe, Sie schalten diesen Kommentar frei, irgendwie kommt es mir merkwürdig vor, dass Sie kaum Kommentare zu Ihrem sozialrassistischen Feldversuch erhalten, allerdings kann das auch an der unmöglichen Anmeldeprozedur von WP liegen…
Montag, 28. April 2008 um 11:08
Trotz der teilweise unangemessenen Wortwahl, lasse ich Ihren Beitrag mal hier stehen. Sie haben natürlich vollkommen Recht, wenn Sie sagen, dass ich erst dann wirklich weiß, wie es mit Hartz-IV ist, wenn ich’s selbst bekomme. In der Situation bin ich aber nicht und meine leidensbereitschaft geht auch nicht soweit, mich absichtlich dorthin zu bringen, zumal ich dann auch nichts bekommen würde bzw. nach § 34 SGB II Kostenersatz zu leisten hätte.
Was sind also die Alternativen? Ich mache den Selbstversuch - wie geschehen - oder ich lasse es. Ich denke nicht, dass eine Entscheidung für die letzte Alternative mehr Empathiefähigkeit hervorruft als die erste.
Ich könnte auch den 347 €-Versuch machen, da haben Sie Recht. Wenn ich das aber kürzer als 6 Monate teste, habe ich in dieser Zeit ein viel besseres Leben als in diesem Monat, weil ich größere Anschaffungen (wie z.B. Kleidung) locker verschieben könnte und statt dessen für 250 € monatlich essen könnte. Also, bringt auch nichts….
Ein Schlussresümee kommt ja im Übrigen auch noch, aber eben erst am Schluss.
Montag, 28. April 2008 um 11:40
@welfareandeconomics
Also was die Wortwahl angeht, so habe ich mir eigentlich Mühe gegeben meinen Ärger zu verbergen, aber Sie sollten ja auch verstehen um was es mir geht.
Aber ein “Erfolg” Ihres Projekts ist ja schon einmal, dass Sie offenkundig die Erfahrung gemacht haben, dass es zu leiden bedeutet, wenn man auf diesem Niveau leben muss. Zumal sich Ihre “Leidenserfahrung” nur auf den Teilaspekt des Essens beschränkt, wenn bei Ihnen Mitte des Monats der Strom abgeschaltet würde, weil im Regelsatz nur ca. 50 kw/h für Strom vorgesehen sind (Warmwasserkosten und Stromgrundgebühr berücksichtigt), aber der berufstätige Durchschnittsdeutsche schon ca. 150 kw/h im Monat verbraucht, oder Sie Ihr Stadtviertel kaum noch verlassen könnten, weil im Regelsatz die Mobilitätskosten weitgehend unberücksichtigt blieben (wie so vieles andere auch), dann würde das Leiden noch viel größer, das garantiere ich Ihnen.
Eine Frage, über deren ehrliche Beantwortung ich mich freuen würde:
Warum müssen Menschen, die das Pech haben arbeitslos zu sein, weil “der Markt” ihnen keine (bezahlte) Arbeit anbieten kann, für dieses Schicksal eigentlich auch noch bestraft werden, indem ihnen eine “Grundsicherung” zugestanden wird, mit der eine ausreichende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nicht möglich ist? und warum müssen sich diese Menschen für ihr Schicksal von einer Mehrheit der Bevölkerung dafür beschimpfen lassen? einer Mehrheit die wohl verdrängt, dass auch sie jederzeit zu den “Sozialschmarotzern” gehören können, die dann im Park die Hundesch…. aufsammeln dürfen, für 1 € Kostenpauschale pro Stunde.
Montag, 28. April 2008 um 44:22
Die letzte Frage kann ich Ihnen nicht beantworten, weil sie eine Extremposition als allein gerecht voraussetzt, nämlich dass Gleichverteilung aller Güter das allein wünschenswerte sei.
Die dem diametral gegenüberstehende andere Extremposition lautet: “Steuern sind Diebstahl” und nicht der Nicht-Abgebende hat sich zu rechtfertigen, sonder derjenige, der das Geld anderer Leute haben will. Mit anderen Worten lautet diese Position: “Mit welchen Recht fordert jemand das Geld anderer Leute?” (siehe dazu bspw. David Friedman, Murray Rothbard, Robert Nozick u.a.)
Der deutsche Sozialstaat bewegt sich irgendwo zwischen diesen Positionen, nach meiner Einschätzung aber sehr deutlich auf Seiten der ersten Position. Jeder weitere Schritt in diese Richtung lässt die zu verteilende Masse nur noch kleiner werden und wäre daher zum Nachteil aller.
Ich gebe Ihnen aber Recht, dass sich nur die Extrempositionen konsistent begründen lassen. Das ist halt das Wesen von Kompromissen, weswegen ich sie auch nicht mag.
Meine weitere persönliche Meinung ist, dass es weder Aufgabe des Marktes noch des Staates ist, Menschen Arbeit “anzubieten”. Der Mensch ist “Anbieter” seiner Arbeitskraft und er hat Glück oder Pech, einen Nachfrager dafür zu finden.
Wie Sie übrigens in dem entsprechenden Bericht hier nachlesen können, habe ich persönlich 1-Euro-Jobber getroffen, die sehr zufrieden waren mit diesem Instrument - siehe hier: http://welfareandeconomics.wordpress.com/2008/03/02/