Selbstversuch - Leben mit Hartz-IV: Resümee
Verfasst von welfareandeconomics am Sonntag, 4. Mai 2008
Es wird Zeit, nun endlich mein persönliches Resümee zu dem letzten Monat zu ziehen.
Was ich bei der Planung und Bekanntgabe des Versuches im Februar auf jeden Fall unterschätzt habe, ist die Art der Öffentlichkeit einer solchen Aktion. Teilweise hatte die Seite mehr als 1000 Besucher pro Tag. So der Öffentlichkeit ausgesetzt zu sein, ist nicht immer ein Vergnügen (wobei natürlich jeder Recht hat, der sagt: “Selbst Schuld - was macht er so’n Kram!”). Auch konnte ich mich nicht dem reiz entziehen, bei Tacheles mitzulesen, was dort über den Versuch geschrieben wurde. Das war nicht immer schön, gehört aber wohl dazu und scheint naturgemäß so sein zu müssen. Es gab dort auch wenige positive Stimmungen sodass man nicht alle Schreiber dort über einen Kamm scheren kann. Vielleicht hatten am Ende auch diejenigen dort Recht, die sich nicht mehr an den Diskussionen beteiligt haben - denn mein Versuch ist nicht repräsentativ (welchen Anspruch er auch nie hatte), sondern auf Selbsterfahrung gerichtet.
Die hatte ich im letzten Monat reichlich, und ich bin schon der Ansicht, dass mich das noch eine Zeit lang prägen wird. Ich schildere meine Erfahrungen mal unter einigen Überschriften:
- Selbstdisziplin
Ohne Frage - mit so wenig Geld auszukommen ist eine Frage der Selbstdisziplin. Man muss extrem aufs Geld achten und sich ständig zusammen reißen. Das fällt natürlich ungleich schwerer, wenn man mehr oder weniger zu einer solchen Existenz ‘gezwungen’ wird, statt sie sich selbst aufzuerlegen. Ich habe ‘gezwungen’ in Anführungszeichen gesetzt, weil ich nach wie vor der Auffassung bin, dass es immer Alternativen gibt. Irgendwo gibt es immer eine kleine Zuverdienstmöglichkeit, man kann umziehen in den Süden des Landes oder sonst etwas tun (und wenn’s Pfandflaschensammeln ist). Aber auch derartige Entscheidungen erfordern ein gewisses Maß an Engagement und Disziplin, wovon mir schon klar ist, dass das nicht jeder aufbringen kann.
- Anforderungen an Haushaltungskompetenz
Dieser Punkt hängt eng mit dem oben erwähnten zusammen, umfasst aber noch etwas mehr. man muss in der Lage sein, sich sein Geld wirklich einzuteilen, den Überblick zu bewahren und wirtschaftlich zu haushalten. Die Gefahr des Verderbs von Lebensmitteln ist dabei nur ein Punkt. Ich selbst kenne persönlich Menschen, die dazu einfach nicht in der Lage sind, und die bekommen in der zweiten Monatshälfte regelmäßig Probleme. Was man da tun kann, ist mir nicht klar, denn auch 50 € im Monat mehr, würden das Problem nicht lösen, sondern allenfalls um ein paar Tage nach hinten verschieben.
- Essen aus Langeweile
Ein nicht zu unterschätzender Aspekt. Unter der Woche habe ich es deswegen geschafft so wenig zu essen, weil ich durch meine Arbeit abgelenkt war und oft gar keine Zeit zum Hunger haben hatte. Wenn man aber um 8 Uhr morgens seine notdürftig bestrichenen zwei Scheiben Brot aufgegessen hat, sind die 4 Stunden bis mittags eine lange Zeit. Da braucht noch einmal mehr eine Portion Selbstdisziplin. Es darf eigentlich nichts zum Essen in der Nähe sein - auch das ein Vorteil, wenn man auf der Arbeit ist - sonst wird man kaum dran vorbei gehen können.
- Getränke
Eine wirklich erschreckende Erkenntnis: Für Getränke - außer Leitungswasser und schwarzen Tee - ist einfach kein Geld vorhanden. Ich habe die Flasche Cola erst am letzten Tag aufgemacht, als ich sicher war, dass das Geld reicht. Leitungswasser aus Geldknappheit trinken zu müssen ist hart und führt wohl auch dazu, dass man unterm strich zu wenig trinkt, weil’s einfach kein Vergnügen ist. Ich trinke sonst auf der Arbeit neben dem Kaffee auch eine Flasche Mineralwasser. das konnte ich mir diesen Monat nicht leisten und zugegebenermaßen habe ich stattdessen Leitungswasser tagsüber nur sehr selten getrunken - will sagen: ich habe sehr wahrscheinlich in dieser zeit zu wenig getrunken.
- gesunde Ernährung
Das war ja der Hauptstreitpunkt in diesem Monat. Meine Ernährung war wohl nicht gesund. Sie war allerdings geschuldet der Relation aus knapper Zeit und knappen Mitteln. Hätte ich den ganzen Tag Zeit gehabt, hätte ich wahrscheinlich auch öfter mal etwas Gemüse gekocht. Obst habe ich aber oft aus finanziellen Gründen weg gelassen. Allerdings hat gesehen, dass auch eine Ernährung ohne Zusatzstoffe und mit Bio-Lebensmitteln möglich ist, wenn man bereit ist, dafür weniger zu essen.
Noch ein Frage an die Kritiker: Wie viele der gesunde-Ernährung-Kritiker sind eigentlich Raucher?
- Stimmen aus der Kollegenschaft
Das war auch so ein Ding. Fast alle Kollegen, mit denen ich gesprochen habe, fanden die Idee gut, hatten aber keine Lust mitzumachen. Fast alle haben auch gesagt, dass sie es für nicht möglich hielten, mit dem Geld auszukommen. Niemand wollte aus dieser letzten Feststellung aber eine Schlussfolgerung für sein eigenes Handeln ziehen. Soll heißen: Viele Sachbearbeiter scheinen damit leben zu können, den Antragstellern implizit sagen zu müssen: “Ich weiß, dass Sie damit nicht hinkommen können, aber ich habe die Gesetze nicht gemacht. Ich mache hier nur meinen Job.”
Das ist mir persönlich zu wenig.
- Abrutschen der Mittelschicht
Ich denke, ich habe in der letzten zeit etwas mehr verstanden, was das eigentliche Problem an Hartz-IV ist: Es geht gar nicht so sehr um die Menge Geld, die jemand zur Verfügung hat. Die Zeiten der alten Sozialhilfe nach dem BSHG waren sicher auch nicht besser. Es geht vielmehr darum, dass einer enormen Anzahl von Menschen ein Stempel aufgedrückt wird: “Du bist Hartz-IV!” Die Gesellschaft spaltet sich damit in die eine und die andere Gruppe. Diejenigen, die den Stemple erhalten, haben es damit schriftlich: “Willkommen in der Unterschicht!” Dieser gesellschaftliche Prozess ist aber nicht mehr rückholbar. Egal, wie viel man auf den Regelsatz drauf packen würde, das Stigma bleibt. Führt man sich noch die enormen Vermögensfreibeträge vor Augen - falls sie denn ausgeschöpft werden - kann rational keineswegs von Armut gesprochen werden. Aber darum geht es - wie gesagt - eben nicht. Es geht um die Spaltung in Hartz-IVler und die anderen.
Im Übrigen haben die Kritiker Recht - das ist meine Erfahrung - dass besonders die so genannte Mittelschicht, die wohl auch durch ihren Wählerwillen in erster Linie für die Agenda 2010 gesorgt hat, sich damit ins eigene Fleisch geschnitten hat. Wer immer schon in der Unterschicht gelebt hat, hat die 50 € monatlicher Sozialhilfe gern mitgenommen und kommt auch aufgrund seines angepassten Konsumverhalten mit dem Geld aus. Hart ist es für diejenigen, die ein Mittelklasseleben gewohnt und sich nun nach 12 Monaten Alg-I extrem umstellen müssen.
- soziale Isolierung
Das Argument habe ich von wimscha, der hier einen ausführlichen Kommentar geschrieben hat (sich aber mit seiner weiteren Antwort noch immer Zeit lässt) - es entspricht aber auch meinen Erfahrungen: Fast jede soziale Aktivität kostet Geld, und dieses Geld hat man nicht. Leben mit Sozialhilfe führt daher sicher auch zu Segregation, weil man sich auf Dauer nicht mehr mit alten Freunden treffen wird (was aber sicher auch von der Stärke der alten Gemeinschaft abhängt) und stattdessen eher mit Menschen, die auch kein Geld haben. Meine Coffee-to-go-Erfahrungen habe ich ja in diesem Monat öfter geschildert. Man hat eben einfach kein Geld, um in der Stadt einen Kaffee zu trinken oder man muss sich dieses Geld schmerzhaft irgendwo absparen, was einem auf Dauer nicht gelingen wird.
- Lohnabstandsgebot
Kommen wir also langsam mal zum Fazit. Leben mit Hartz-IV ist kein Spaß und oft ziemlich hart. Alle in meinem Umfeld, denen ich das gesagt habe, antworten: “Das muss auch so sein, damit der Anreiz besteht, aus eigener Kraft wieder rauszukommen.” Auch wenn ich solche Kommentare mittlerweile etwas zwiespältig hinnehme, stimme ich dem aber dem Grunde nach zu. Ich bin sicher, dass ich mir ziemlich kurzfristig irgend etwas einfallen lassen würde, um meine Situation zu verbessern. 100 € Verdienst sind per se anrechnungsfrei. Allein auf den Ernährungsanteil bezogen, erhöhen 100 € im Monat den Anteil aber um fast das doppelte und das ist vollkommen ausreichend.
Es muss auch der Abstand zu den Erwerbstätigen gewahrt sein. Sozialhilfe darf nicht mehr ergeben, als gering bezahlte Arbeit - das dürfte klar sein.
- Kritik ohne Alternative
Es bleibt also die Frage nach der Alternative. KEINER der Kommentatoren hier hat eine Alternative angeboten - auch nicht auf ausdrückliche Nachfragen! Einfach den Regelsatz um 50 € erhöhen würden meines Erachtens (fast) gar nichts bringen. Wer nicht mit dem Geld umgehen kann, wird auch 50 € mehr genauso schnell verbrauchen. 50 € vermindern noch einmal den Abstand zur arbeitenden Bevölkerung und senkt den Anreiz, da raus zu kommen. Man könnte mehr auf Sachleistungen umstellen, aber das ist mir persönlich zu paternalistisch.
Ich würde hier gerne weiter über Ernst zu nehmende Alternativen diskutieren, also wer einen Vorschlag hat, ist eingeladen zu schreiben.
Sonntag, 4. Mai 2008 um 77:44
Hi René,
das Problem ist ja, dass es nicht nur kurzfristig keine Lösung gibt, sondern dass wir das Problem auch langfristig schleifen lassen. Der Wert der Bildung ist ja angeblich erkannt, aber Konsequenzen gibt es wenige. Das deutsche Schulsystem ist extrem selektiv, und immer noch verlassen Zehntausende die Schule ohne Abschluss. Da ist eine Hartz-IV-Karriere ja wohl programmiert.
Wenn ich dies bedenke, finde ich Deinen Selbstversuch zwar ganz unterhaltsam, aber doch wenig zielführend.
Interessant ist aber, dass Mangelernährung sich positiv auf philosophische Fähigkeiten auswirkt…
(Deswegen waren die Philosophen im Altertum auch besser als die heute. Zumindest konnte man ihre Gedankengänge besser verstehen…
Grüße,
Dirk
PS: Während ich das schreibe, habe ich darüber nachgedacht, dass Armut ein sich selbst verstärkender Prozess ist. Wer wenig Geld hat, kauft in Läden, die Mitarbeiter schlecht bezahlen. Die Läden haben Erfolg und setzen Geschäfte unter Druck, die ihre Mitarbeiter ordentlich behandeln. Was dazu führt, dass mehr Menschen schlecht bezahlt werden und in die Armut abrutschen. In den USA führt die Ansiedlung eines WalMart dazu, dass der Lebensstandard in der Nachbarschaft sinkt. Kann die Mittelschicht also ihr eigenes Abrutschen verhindern, indem sie Geiz nicht mehr geil findet?
Sonntag, 4. Mai 2008 um 88:34
Dirk, Junge - schon wieder der Geiz-Spruch. Darüber hatten wir doch schon ausführlich diskutiert. Ich bleibe dabei, dass Geiz das volkswirtschaftlich einzig Wahre ist, weil alles andere Verschwendung und damit ineffizient ist (für alle, die die Diskussion noch nicht kennen: Geiz soll hier verstanden werden als Bestreben, ein definiertes Gut zum geringstmöglichen Preis erwerben zu können).
Wenn Du den Selbstversuch wenig zielführend findest, wäre zuerst zu fragen, was das Ziel sein soll. Darüber hatte ich mich hier aber schon mehrfach geäußert.
Was Deine Armutsthese angeht, bin ich ganz und gar nicht Deiner Meinung. Wäre der von Dir definierte Zusammenhang wirklich langfristig vorhanden, würde das Bedeuten, dass es doch besser gewesen wäre, wenn die Webstühle nie erfunden, der Ochsenkaren nie ersetzt worden wäre und wir weiter hübsch in die deutsche Steinkohle investieren sollten. Nein, ein solche These nur auf den Sektor des Lebensmitteleinzelhandels aufzusetzen, erscheint mir unredlich.
Dienstag, 6. Mai 2008 um 99:39
“Was Deine Armutsthese angeht, bin ich ganz und gar nicht Deiner Meinung. Wäre der von Dir definierte Zusammenhang wirklich langfristig vorhanden, würde das Bedeuten, dass es doch besser gewesen wäre, wenn die Webstühle nie erfunden, der Ochsenkaren nie ersetzt worden wäre und wir weiter hübsch in die deutsche Steinkohle investieren sollten. Nein, ein solche These nur auf den Sektor des Lebensmitteleinzelhandels aufzusetzen, erscheint mir unredlich.”
Hallo,
signifikant erscheint mir, dass der eigentliche Siegeszug der Discounter ( und die Milliardenvermögen der Familien Albrecht, Schwarz etc. ) in Deutschland einhergeht mit der Entwicklung der Massenarbeitslosigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit, dem rasanten Anstieg von Sozialhilfe-/HartzIV Empfängern in Deutschland etc. pp. in den letzten 20 -25 Jahren.
Ansonsten halte ich den Selbstversuch für recht amüsant incl. der novellistischen Eigenkommentierung. Aber Sinn und Nutzen eines solchen singulären Eigenexperiments leuchten mir nicht ein. Da urteilt im besten Fall ein Individuum über sich selbst und seine individuellen Erfahrungen in einem sehr begrenzten zeitlichen Rahmen - sonst nichts. Für die eigentlichen Fragestellungen ( Definition eines allgemeinen Existenzmimimums und dessen Ausgestaltung u.dgl. mehr) “kommt nix rum”! Da bräuchte man neutrale Langzeitbeobachtungen ! Und insbesonders endlich die Abklärung des Tabuthemas “Dunkelziffer” bei Sozialtransfers. Dort grassiert nämlich die wahre Armut - bei verarmenden Menschen, die nicht wollen, nicht können oder gar nicht wissen, dass ein Rechtsanspruch auf Unterstützung besteht.
Dienstag, 6. Mai 2008 um 44:38
Hallo René,
grundsätzlich möchte ich festhalten, dass ich die Motivation, welche hinter dem Selbstversuch steckt, durchaus respektabel finde. Allerdings komme ich nicht umhin, den Versuch selbst und sein Ergebnis in Frage zu stellen. Die Art der Ernährung mag für Dich ausreichend sein. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass bei Berechnung des Betrages für das monatliche Existenzminimum beabsichtigt war, den Hilfebedürftigen zu zwingen, sich zukünftig von Vollkornnudeln und Bio-Ketchup zu ernähren (ich übertreib jetzt mal bewusst
).
Eine Lösung für das Problem kann ich natürlich ebenfalls nicht aus dem Hut zaubern. Allerdings halte ich es für möglich, umfassende Änderungen am Sozialsystem und auch an der Arbeitswelt vorzunehmen, die im Ergebnis zu einer Verbesserung für die Gesellschaft führen könnten.
Du stellst folgendes fest: “Einfach den Regelsatz um 50 € erhöhen würden meines Erachtens (fast) gar nichts bringen. Wer nicht mit dem Geld umgehen kann, wird auch 50 € mehr genauso schnell verbrauchen. 50 € vermindern noch einmal den Abstand zur arbeitenden Bevölkerung und senkt den Anreiz, da raus zu kommen. ”
Die Lösung ist natürlich nicht, einfach den Regelsatz zu erhöhen, bis alle davon in Saus und Braus leben können, ohne parallel weitere Entwicklungen anzustoßen. Wenn das Existenzminimum nämlich den Betrag umschreibt, den ein Mensch in Deutschland monatlich mindestens zum menschenwürdigen Leben benötigt, dann ist es beschämend und bedarf eines Eingriffs der Politik, dass dieses Existenzminimum von vielen Arbeitgebern für Vollzeittätigkeit nicht gezahlt wird. Mir ist natürlich bewusst, dass bei Inanspruchnahme von Zahlungen nach dem SGB II die “Aufstocker” besser dastehen als arbeits- und einkommenslose Bedürftige. Allerdings sollte die Regierung sich dieser Problematik widmen und endlich den Wirtschaftslobbyismus überwinden und einen gesetzlichen Mindestlohn einführen. Wenn dieser Schritt getan ist, kann man übrigens auch ohne weiteres an den Regelsätzen Änderungen vornehmen, da das Lohnabstandsgebot dann ohne weiteres eingehalten werden kann. Mit einem Mindestlohn von 7,50 € - 8,00 € ist es zumindest für den alleinstehenden Vollzeitbeschäftigten möglich, einen deutlichen Abstand zwischen sich und den Hilfebedürftigen ohne Einkommen zu bringen. Ganz nebenbei wirkt man der bei Arbeitgebern zunehmend verbreiteten Tendenz entgegen, bei Lohnverhandlungen darauf zu verweisen, dass man sich ja zusätzliches Geld beim JobCenter oder der ARGE besorgen könne, wenn der Lohn nicht zum Leben reicht. Genau dieses Schmarotzertum ist aus meiner Sicht eine der problematischsten Fehlentwicklungen, die mit Hartz IV ermöglicht wurde und schnellstmöglich zu unterbinden ist.
Und mit Einführung des Mindestlohnes (der im übrigen zeitgleich mit Hartz IV hätte kommen müssen) kann eine realistische Berechnung des Betrages für ein Existenzminimum erfolgen, die hinsichtlich der Ernährung, aber auch vieler weiterer Punkte (Energiekosten, Kleidung, etc.) einen deutlich höheren Regelsatz ausweisen dürfte, erfolgen. Viel wichtiger als eine solch realistische Berechnung bleibt für mch allerdings, dass Kinder und Erwachsene finanziell gleichgestellt werden. Es ist für mich als Vater von zwei Kindern nicht nachvollziehbar, dass ein Kind nur einen finanziellen Bedarf von 60 % bzw. 80 % des Alleinstehenden haben sollen. Insbesondere Kleinkinder können mit dem ihnen zugestandenen Bedarf nicht annähernd versorgt werden. Und speziell hier beginnt es erst mit der kindgerechten Ernährung, setzt sich aber mit einem enormen Bedarf an Windeln oder ständig nu zu besorgender Kleidung fort. Und wenn man sich vernünftig um sein Kind kümmern möchte, dnn wird man spätestens nach den ersten Gehversuchen nicht um ein Paar neue, gerade nicht gebrauchte Schuhe herumkommen. Wer schon mal Kinderschuhe gekauft hat, wird wissen, welchen finanziellen Aufwand das bedeutet, selbst wenn man keine Edel-Lauflernschuhe erwerben möchte.
Also, wir müssen endlich dahin kommen, dass Arbeit vernünftig bezahlt wird, dass Kinder nicht nur als kleine Erwachsene betrachtet werden und das realistische Regelsätze festgelegt werden. Für letzteren Punkt ist Dein Selbstversuch dann doch wieder hilfreich, allerdings bestenfalls als Negativbeispiel, wie durch Hartz IV erzwungene Ernährung nicht aussehen darf.
Und zum Schluss erlaube ich mir noch die Bemerkung, dass zur Veränderung von Rahmenbedingungen insbesondere des Sozialstaates auch gehört, dass nicht nur auf die geburtenschwachen Jahrgänge gewartet werden darf, um tatsächlich den Menschen, die arbeiten wollen, auch einen Arbeitsplatz anbieten zu können. Ich erwarte von der Politik jetzt eine Initiative, die es endlich möglich macht, den vorhandenen Arbeitsbedarf gerecht auf die srbeitswillige Bevölkerung aufzuteilen. Das Ganze nennt sich dann Investition in die Schaffung von Arbeitsplätzen und nicht Finanzierung von Arbeitslosigkeit.
So, hab mich jetzt mal ausgekotzt. Wer Schreibfehler findet, darf Sie behalten.
Bei René möchte ich mich bedanken, dass er sich zumindest um seine Mitmenschen sorgt und den Versuch unternommen hat, die Gefühlswelt von Hilfebedürftigen nachzuvollziehen. Bei vielen Sachbearbeitern ist (nach meinen eigenen Erfahrungen) der Abstumpfungsprozess schon sehr weit fortgeschritten und ein Interesse für die Belange der Bedürftigen nicht mehr vorhanden. Zum Selbstschutz mag das nützlich sein, hilft aber dem Zusammenleben und dem Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft nicht weiter. Und ich möchte mein Ideal nicht aufgeben, dass die Menschen sich doch noch ein wenig füreinander interessiern und nicht nur auf ihr eigenes Fortkommen achten. Aber vielleicht ist diese (solidarische) Idee mit der DDR untergegangen (nein, ich verkläre den dort herrschenden Totalitarismus nicht, erinnere mich aber auch an viele positive Dinge, die es wert gewesen wären, bewahrt zu werden).
Liebe Grüße, Micha
Dienstag, 6. Mai 2008 um 66:01
Zunächst mal zu dem Kommentar von lysandos: Hallo,
“signifikant erscheint mir, dass der eigentliche Siegeszug der Discounter ( und die Milliardenvermögen der Familien Albrecht, Schwarz etc. ) in Deutschland einhergeht mit der Entwicklung der Massenarbeitslosigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit, dem rasanten Anstieg von Sozialhilfe-/HartzIV Empfängern in Deutschland etc. pp. in den letzten 20 -25 Jahren.”
Erste Frage: ‘Signifikant’ wofür? Was soll der Verweis auf die ‘Milliardenvermögen’ bringen?
Ich frage mich, wann die Menschen in Deutschland endlich einsehen werden, dass jeder Cent der Albrecht Brüder (diese nur deshalb hier als Beispiel, weil lysandros sie erwähnt) gerade diesen Cent eigenhändig von uns (will sagen: die Nicht-Milliardäre) erhalten haben! Wer hat uns gezwungen, bei Aldi einzukaufen? Wer zwingt mich morgen?
Warum kann ein Discounter (vermeintlich) ’siegen’? Nur weil wir es toll finden, dort zu kaufen. Kauft woanders und fertig ist die Kiste.
“Ansonsten halte ich den Selbstversuch für recht amüsant incl. der novellistischen Eigenkommentierung. Aber Sinn und Nutzen eines solchen singulären Eigenexperiments leuchten mir nicht ein. Da urteilt im besten Fall ein Individuum über sich selbst und seine individuellen Erfahrungen in einem sehr begrenzten zeitlichen Rahmen - sonst nichts. Für die eigentlichen Fragestellungen ( Definition eines allgemeinen Existenzmimimums und dessen Ausgestaltung u.dgl. mehr) “kommt nix rum”! Da bräuchte man neutrale Langzeitbeobachtungen ! Und insbesonders endlich die Abklärung des Tabuthemas “Dunkelziffer” bei Sozialtransfers. Dort grassiert nämlich die wahre Armut - bei verarmenden Menschen, die nicht wollen, nicht können oder gar nicht wissen, dass ein Rechtsanspruch auf Unterstützung besteht.”
Zu Sinn und Nutzen des Selbstversuches verweise ich nach wie vor auf den entsprechenden Beitrag dazu.
Ich behaupte allerdings, dass es gerade wegen des Aufruhrs um Hartz-IV keine nennenswerte Anzahl von Menschen in Deutschland mehr gibt, die nicht wissen, dass sie Ansprüche haben könnten. Ausgenommen sind davon allenfalls Rentnerwitwen, die sich mit ihren geringen Einkünften abgefunden haben. Das ist aber das Thema der Altersarmut und betrifft nicht Alg-II oder Hartz-IV.
Dienstag, 6. Mai 2008 um 66:57
Nun ein paar Gedanken zum Kommentar von Aguirre75:
“Wenn das Existenzminimum nämlich den Betrag umschreibt, den ein Mensch in Deutschland monatlich mindestens zum menschenwürdigen Leben benötigt, dann ist es beschämend und bedarf eines Eingriffs der Politik, dass dieses Existenzminimum von vielen Arbeitgebern für Vollzeittätigkeit nicht gezahlt wird.”
In welchen Zusammenhang sollten Arbeitslohn und Existenzminimum stehen? Der Arbeitslohn orientiert sich an der Produktivität in Verbindung mit dem Marktwert der Ware “Arbeit”. Das ist Ökonomie und daran kann auch ein Mindestlohn nichts ändern. Liegt dieser nämlich über der gemessenen Produktivität ist es für den Unternehmer günstiger, die Arbeitskraft nicht in Anspruch zu nehmen - heißt im Klartext: der Mindestlohn-Geschützte verliert seine Arbeit. Wem damit geholfen sein soll, kann ich aus der obigen Argumentation nicht entnehmen.
“Also, wir müssen endlich dahin kommen, dass Arbeit vernünftig bezahlt wird,”
Wer so etwas vorschlägt, der sollte einfach einen Betrieb eröffnen und seine Angestellten so entlohnen, wie es ihm richtig erscheint. Alle Nicht-Unternehmer haben meines Erachtens keine Legitimation, Unternehmern irgendeine Lohnhöhe vorzuschreiben - außer in den eigenen Gehaltsverhandlungen. Wer das wirtschaftliche Risiko eines Unternehmens nicht tragen muss, kann leicht Forderungen aufstellen, die er selbst nie erfüllen muss.
“Ich erwarte von der Politik jetzt eine Initiative, die es endlich möglich macht, den vorhandenen Arbeitsbedarf gerecht auf die arbeitswillige Bevölkerung aufzuteilen.”
Der Osten dieses Landes hat eine derartige Politik - und ihre Folgen - bereits reichlich ‘genießen’ dürfen. Wenn die Politik tatsächlich anfangen sollte ‘Arbeit gerecht aufzuteilen’ ist alles verloren, soviel ist klar. Wenn’s im Osten früher so schön war, fragt sich, warum man eine Mauer drumrumbauen musste…. Offenbar waren die “vielen positiven Dinge” den Leuten doch irgendwie nicht genug.
Dienstag, 6. Mai 2008 um 77:57
“Erste Frage: ‘Signifikant’ wofür? Was soll der Verweis auf die ‘Milliardenvermögen’ bringen?
Ich frage mich, wann die Menschen in Deutschland endlich einsehen werden, dass jeder Cent der Albrecht Brüder (diese nur deshalb hier als Beispiel, weil lysandros sie erwähnt) gerade diesen Cent eigenhändig von uns (will sagen: die Nicht-Milliardäre) erhalten haben! Wer hat uns gezwungen, bei Aldi einzukaufen? Wer zwingt mich morgen?
Warum kann ein Discounter (vermeintlich) ’siegen’? Nur weil wir es toll finden, dort zu kaufen. Kauft woanders und fertig ist die Kiste.”
Kommentar:
Die Bemerkungen bestärken meinen durchgängigen Eindruck hoher Subjektivität, mangelnden Abstraktionsvermögens und gleichzeitig unzureichender Erfassung sozialer Realitäten. Motto: Was es nicht geben darf, gibt’s auch nicht.
Ich will auch nicht besonders meckern über flüchtiges Lesen + Begreifen,
das passiert in solchen Diskussionen halt .. und sicher mir auch.
Mein erster Passus ( Signifikant ..) schliesst an die offensichtlich missverstandene “Armutsthese” von Aguirre. Dem ging es nicht um ein anachronistisches Festhalten an veraltete Technologien, sondern um einen sozial-ökonomischen Wirkungsmechanismus ( z.B. der Erfolg von walmart in den USA), den ich mit deutschen Beispielen illustrieren wollte. Die “Beobachtung”, dass der “Siegeszug” der Discounter auf allen Ebenen und in vielen Branchen einhergegangen ist mit dem allmählichen sozioökonomischen Wandel ( sprich = Niedergang) in Deutschland, ist “signifikant” … der Sinnzusammenhang beider Phänomene ist nicht nur mir aufgefallen .. und längst thematisiert - selbst von der FAZ.
Praktisch formuliert: Mag sein, dass WIR (?) alle irgendwann mal und irgendwie bei Discountern einkaufen; es gibt aber auch etliche Millionen, die ihre wöchentlichen Einkäufe NUR bei einem Discounter vornehmen ( können/müssen). Deshalb fällt der Passus “Kauft woanders und fertig ist die Kiste” deutlich in die Rubrik Realitätsverlust.
“Ich behaupte allerdings, dass es gerade wegen des Aufruhrs um Hartz-IV keine nennenswerte Anzahl von Menschen in Deutschland mehr gibt, die nicht wissen, dass sie Ansprüche haben könnten. Ausgenommen sind davon allenfalls Rentnerwitwen, die sich mit ihren geringen Einkünften abgefunden haben. Das ist aber das Thema der Altersarmut und betrifft nicht Alg-II oder Hartz-IV.”
Es wird wohl bei der Behauptung bleiben .. es geht hier nicht nur - sehr verkürzt dargestellt - um NICHT WISSEN sondern auch um NICHT WOLLEN. Meine Gegenbehauptung, die durch empirische Beobachtungen der kirchlichen Hilfswerke noch bei der alten Sozialhilfe ( auf einen tatsächlichen SoHi Empfänger ein zusätzlicher Anspruchsberechtigter) gestützt wird, lautet, dass es auch beim neuen System (ALG2) eine Dunkelziffer in unbekannter Höhe gibt.
Das Finanzdebakel beim ALG2 ( statt Einsparungen im Milliardenhöhe Mehrausgaben in Milliardenhhöhe) war natürlich hausgemacht und verursacht nicht zuletzt durch Fehlinterpretation hochoffizieller Statistiken.
Zutreffend ist in diesem Zusammenhang die Beobachtung, dass “wegen des Aufruhrs um Hartz-IV” eine vom politischen Urheber nicht ursächlich ;-beabsichtigte Aufklärungskampagne sondergleichen durch die Republik gefegt ist, die viele Unwissende ( aber nicht alle) auf ihre Rechtsansprüche aufmerksam gemacht hat. Man könnte es auch anders interpretieren: Vom politisch lange geleugneten Teppich der Massenarmut in Deutschland ist endlich ein ordentlicher Zipfel angehoben und sichtbar (ge)worden.
Die Bemerkungen zur Altersarmut buche ich unter Zynismus a la Kauder ab. Die Lüge steckte dort im Begriff ANGEWIESEN … tatsächlich wären mehr Rentner auf Grundsicherung angewiesen als die 2,3 %, die in einem förmlichen Verfahren beim örtlichen Sozialamt ( es ist faktisch das SA )GS beantragt und bewilligt bekommen haben. Bei den Rentnern rechnen die kirchl. Hilfswerke und Sozialverbände mit ca. 8 - 10 % Anspruchsberechtigten.
Das Problem der “Dunkelziffer bei Sozialtransfers” sollte mal in der Regierungszeit Schröders systematisch untersucht werden … es verwundert den kundigen Thebaner kaum, dass dies nie realisiert worden ist.
Dienstag, 6. Mai 2008 um 88:05
Sorry .. ich sagte es ja … flüchtiges lesen auich bei mit :-))
Mein erster Passus ( Signifikant ..) schliesst an die offensichtlich missverstandene “Armutsthese” von Aguirre.
MARKTGRAF war gemeint !! nicht Aguirre
Dienstag, 6. Mai 2008 um 88:31
Thema Mindestlohn:
Es mag ökonomisch richtig sein, dass der Arbeitslohn sich daran orientiert, welcher Gewinn mit der produzierten Ware (ob dies nun eine Dienstleistung oder ein körperlicher Gegenstand ist, dürfte dabei wohl keine Rolle spielen) erzielt werden kann. Es dürfte jedoch wohl unbestreitbar sein (auch wenn ich hier nur als wirtschaftswissenschaftlicher Laie schreibe), dass ein überdurchschnittlicher Gewinn, der von einem Unternehmer erzielt wird, nicht mit Hungerlöhnen erkauft sein sollte. Das ganze würde ich schlicht als Ausbeutung betrachten, die in einer sozialen Marktwirtschaft gerade nicht gewünscht sein kann. Im Klartext: Wenn ein Unternehmensgewinn nur erzielt werden kann, weil Hungerlöhne gezahlt werden, ist das vielleicht ökonomisch vertretbar, läuft aber dem Prinzip, dass “Eigentum verpflichtet” und sein Gebrauch zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen soll, vollkommen zuwider. Das Prinzip kann übrigens im Grundgesetz nachgelesen werden, ein Blick in Artikel 14 hilft da weiter. Für mich ist jedenfalls nicht ersichtlich, welchen Wert ein Unternehmen hat, das dem Inhaber nicht aufgrund des angebotenen Produktes, sondern aufgrund der niedrigen Löhne zu hohem Einkommen verhilft. Auf solch ein Unternehmen kann ich verzichten.
Thema Gründung eines Unternehmens:
Als Freiberufler bin ich mir dessen bewusst, dass ich am liebsten selbst bestimme, welchen Lohn ich zahlen möchte. Das liegt sicher auch daran, dass ich am besten weiß, bis zu welcher Lohnhöhe es überhaupt wirtschaftlich sinnvoll ist, eine/n Angestellte/n zu beschäftigen. Allerdings würde es mir nicht annähernd einfallen, eine Schreibkraft einzustellen, die 20 Stunden in der Woche für mich arbeiten soll und die dann auf Minijob-Basis mit 400,00 EUR dafür “entlohnt” wird. Das ist, wie schon oben geschrieben, reine Ausbeutung, die für mich nicht akzeptabel ist.
Thema gerechte Verteilung von Arbeit:
Mir ist nicht bekannt, dass die DDR ein kapitalistischer oder sozial marktwirtschaftlicher Staat gewesen wäre. Daher erschließt sich mir nicht, wie man darauf kommt, dass eine solche Politik damals schon praktiziert worden sei.
Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass man Modelle prüfen sollte, die es ermöglichen können, die Arbeitszeit für den Einzelnen zu verringern, um damit im Ergebnis mehr Menschen in Lohn und Brot zu bringen. Welches Modell tatsächlich umsetzbar ist, überlasse ich der Beurteilung von Fachleuten. Es erscheint mir jedoch sinnvoller, ggf. erforderlichen Lohnausgleich für die Verkürzung der Arbeitszeit zu zahlen, statt Transferleistungen in exorbitanter Höhe zu finanzieren. Das hätte auch den charmanten Vorteil, dass durch Erhöhung der zulässigen Wochenarbeitszeit flexibel auf Arbeitskräftemangel reagiert werden könnte.
Über die Gründe für die Existenz zweier deutscher Staaten kann man übrigens auch sachlich diskutieren. Vielleicht sollte man sich mal mit dem einen oder anderen “Ossi” unterhalten. Dann hat man auch die Chance zu wissen, worüber man spricht. Polemik hilft jedenfalls nicht weiter.
Mittwoch, 7. Mai 2008 um 55:09
Wir kommen hier ein bisschen weg von der Regelsatzdiskussion, einige Aspekte finde ich aber doch interessant.
Zu Aguirre75:
“Es mag ökonomisch richtig sein, dass der Arbeitslohn sich daran orientiert, welcher Gewinn mit der produzierten Ware…”
Arbeitslohn und Gewinn stehen zunächst einmal in keinem unmittelbaren Verhältnis zueinanander, bzw. sollte nicht stehen. Produktivität ist das Ergebnis von Output durch Input. Der Arbeitslohn orientiert sich daher in einer ersten Stufe an der Leistung des Arbeiters. Nun kann man überlegen, ob man durch eine gewinnorientierte Komponente einen Leistungsanreiz setzen möchte, das fällt aber wieder in die originäre Entscheidungsmacht des Unternehmers.
“Es dürfte jedoch wohl unbestreitbar sein (auch wenn ich hier nur als wirtschaftswissenschaftlicher Laie schreibe), dass ein überdurchschnittlicher Gewinn, der von einem Unternehmer erzielt wird, nicht mit Hungerlöhnen erkauft sein sollte.”
Wenn es ausreichend andere Arbeit gibt, können die Hungerlohn-Arbeiter ja die Arbeitsstelle wechseln. Wenn es dafür aber nicht genug Arbeitsnachfrage gibt, dann gilt der Satz von Ralf Dahrendorf: “Besser working-poor als nur poor.”
“welchen Wert ein Unternehmen hat, das dem Inhaber nicht aufgrund des angebotenen Produktes, sondern aufgrund der niedrigen Löhne zu hohem Einkommen verhilft.”
Wie will man das trennen? Ohne Produkte kein Umsatz, ohne Umsatz keine Beschäftigung. Jeder Konsument kann ja die Arbeitsbedingungen bei einem Anbieter in seine Präferenzkalkulation einbeziehen und sich entsprechend verhalten. Wer dazu nicht die finanziellen Mittel hat, wird froh sein, billig einkaufen zu können. Oder er hungert aus moralischer Solidarität mit den Beschäftigten. Wenn es das einer nenneswerten Anzahl von Konsumenten wert ist, wird das Unternehmen von ganz allein reagieren.
“dass man Modelle prüfen sollte, die es ermöglichen können, die Arbeitszeit für den Einzelnen zu verringern, um damit im Ergebnis mehr Menschen in Lohn und Brot zu bringen”
Warum sollte man dafür ‘Modelle prüfen’? Was spricht dagegen, die Arbeitszeit zu verringern. Soweit ich weiß, gibt es kein Gesetz in Deutschland oder ein allgemein gültiges in der Ökonomie, das Teilzeitarbeit verbietet. Wer also aus Solidarität mit Arbeitslosen auf einen Teil seiner Arbeitszeit verzichtet, kann das doch tun. Die Frage ist jetzt: Warum macht das niemand (niemand heißt, dass mir nicht bekannt ist, dass jemand wirklich aus diesem Motiv heraus Teilzeit arbeitet. In der Regel arbeitet man aus weniger altruistischen Motiven heraus Teilzeit)?
Was ich mit diesen ökonomischen Argumenten hier immer wieder sagen möchte: Die Vorschläge laufen immer darauf hinaus, staatlichen Zwang gegen irgendwen auszuüben. Den Menschen konstituiert aber u.a. sein Recht auf Freiheit. Welche Berechtigung hat daher die Ausübung von Zwang?
In der aktuellen Ausgabe von brand eins gibt es einen Artikel über einen österreichischen Harvard-Professor, der nach sechs Monaten Aufenthalt in Deutschland wieder das Weite gesucht hat, aus Verzweiflung über die hiesige Ignoranz gegenüber der Marktwirtschaft, auch unter Top-Managern. Hier der Link: http://www.brandeins.de/home/inhalt_detail.asp?id=2661&MenuID=8&MagID=101&sid=su6215323128676018&umenuid=1
Mittwoch, 7. Mai 2008 um 55:16
Zu lysandraos:
” sondern um einen sozial-ökonomischen Wirkungsmechanismus ( z.B. der Erfolg von walmart in den USA), den ich mit deutschen Beispielen illustrieren wollte”
Das interessiert mich. Lass uns diesen ‘Wirkungsmechanismus’ doch einmal analysieren:
Nehmen wir an, es gab in einer Stadt bislang nur “normale” Supermärkte, also solche mit hohem Lohnniveau, sagen wir 12 €/h. Jetzt macht walmart den ersten Laden auf und zahlt nur 6 €/h.
Schon daraus ergeben sich einige Fragen für mich:
1. Warum meint der walmart-Inhaber, dass sich sein Laden rechnet?
2. Warum kauft jemand bei walmart?
3. Warum arbeitet jemand für walmart?
Die Fragen klingen simpel, die Antworten auf die Fragen sind aber höchst Spannend. Vorschläge?
Mittwoch, 7. Mai 2008 um 77:30
“Was ich mit diesen ökonomischen Argumenten hier immer wieder sagen möchte: Die Vorschläge laufen immer darauf hinaus, staatlichen Zwang gegen irgendwen auszuüben. Den Menschen konstituiert aber u.a. sein Recht auf Freiheit. Welche Berechtigung hat daher die Ausübung von Zwang?”
Die Ausübung von Zwang ist genau dann berechtigt, wenn ein geringer Teil der Bevölkerung unter Ausnutzung (wenn nicht sogar Ausbeutung) der Leistung eines weit überwiegenden Teils der Bevölkerung einen ebenso weit überwiegenden Teil des vorhandenen Vermögens anhäuft, ohne die für ihn erbrachte Leistung angemessen zu honorieren. Erstaunlicherweise wünschen sich Unternehmer nur dann mehr Freiheiten, wenn es um die Bestimmung von Löhnen geht. Der Eingriff des Staates kann hingegen nicht groß genug sein, wenn Lohnnebenkosten oder Unternehmenssteuern gesenkt oder der Kündigungsschutz eingeschränkt werden sollen. Ein guter und verantwortungsbewusster Unternehmer wird nämlich im Zweifel auf einen kleinen Prozentsatz seines Gewinnes verzichten, wenn er dafür zufriedene und somit auch stärker motivierte Mitarbeiter hat.
Im übrigen sollte man Beiträge vollständig lesen und Zitate nicht aus dem Zusammenhang reißen. Wenn ich vorgeschlagen habe, die Arbeitszeit zu reduzieren, so natürlich nur unter der maßgabe, dass dies mit angemessenem Lohnausgleich erfolgen muss, ggf. durch den Staat. Übrigens würde ich die Sache zumindest in der Theorie noch so weit ausdehnen, dass unbezahlte Überstunden mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterbunden werden müssen. Denn auch das ist Teil der Ausbeutung, die im Ergebnis dazu führt, dass tatsächlich anfallende Arbeiten nicht durch neu einzustellende Mitarbeiter erledigt werden, sondern von bereits angestellten Mitarbeitern zusätzlich zu schultern sind.
Mittwoch, 7. Mai 2008 um 88:18
“Die Ausübung von Zwang ist genau dann berechtigt, wenn ein geringer Teil der Bevölkerung unter Ausnutzung (wenn nicht sogar Ausbeutung) der Leistung eines weit überwiegenden Teils der Bevölkerung einen ebenso weit überwiegenden Teil des vorhandenen Vermögens anhäuft, ohne die für ihn erbrachte Leistung angemessen zu honorieren.”
Klingt schlüssig, ist es aber nicht:
1. Warum sollte das Postulat Gültigkeit haben, wo ist der Maßstab?
2. Was heißt “angemessen honorieren”?
2a. Wie soll das gemessen werden?
2b. Wie wird das Unternehmerrisiko bewertet?
3. Warum ist Vermögen “vorhanden”? Fällt das vom Himmel oder woher kommt es?
4. Wie kann etwas ungerechtifertigt sein, wenn es auf freiwilligen Handlungen beruht?
5. Wo liegt die Grenze zwischen “Ausnutzung” und “Ausbeutung”? Wie misst man das, und wer stellt fest, dass die Grenze überschritten ist?
Mittwoch, 7. Mai 2008 um 99:29
zu 1.: Der Maßstab ist mein gesunder Menschenverstand. Ihr Postulat hat im übrigen den identischen Stellenwert.
zu 2.: “Angemessen honorieren” könnte zum Beispiel in Relation zu dem erzielten Gewinn steht, wobei es selbstverständlich das Unternehmerrisiko rechtfertigt, dass der Unternehmer ein höheres Einkommen erzielt als die abhängig Beschäftigten. Wenn dies jedoch zu Hungerlöhnen und damit zu einer versteckten Subvention des Unternehmers durch den Staat führt (Leistungen an Aufstocker), so ist das Unternehmen nicht als wirtschaftlich gesund und tragfähig zu betrachten.
3. Vermögen wird erwirtschaftet, und zwar nur zu einem geringen Teil durch den Investor und zu einem weit überwiegenden Teil durch die Arbeitsleistung der abhängig Beschäftigten. Der Unternehmer mag das Risiko tragen, kann einen Gewinn aber nur unter Einsatz fremder Arbeitskraft erzielen. Das führt zu Aufbau von Vermögen, leider jedoch nicht zu gleichen Teilen bei dem Unternehmer und den Mitarbeitern, sondern - meines Erachtens nicht gerechtfertiggt - zu einem überproportional hohen Anteil beim Unternehmer. Und ich sehe derzeit keine Anzeichen dafür, dass dieser Entwicklung Einhalt geboten wird. Von vermögen durch Geldanlagen in dubiosen Fonds will ich hier nicht erst anfangen.
zu 4.: Kapitalismus lebt davon, dass der Einzelne versucht, so gut wie möglich zu überleben. Es sit für den Einzelnen daher sicher besser, auch den schlechtbezahlten Job anzunehmen, statt überhaupt nicht zu arbeiten. Aufgabe des Staates ist es jedoch, darauf zu achten, dass dieser wachsende Druck auf Arbeitnehmer und Arbeitslose nicht schamlos und im Ergebnis auf Kosten des Steuerzahlers ausgenutzt wird. Der einzelne, unterbezahlte Arbeitnehmer hat wohl kaum eine Wahlmöglichkeit, da ihn spätestens die ARGE oder das JobCenter zur Annahme eines unterbezahlten Jobs zwingen wird. An dieser Stelle ist also der Eingriff des Staates unerlässlich, da der Unternehmer die ihm offenbarten Möglichkeiten zur Gewinnnvermehrung annehmen wird, da moralische Bedenken im Kapitalismus nicht zählen. Da wir aber nicht im reinen Kapitalismus, sondern in einer sozialen Marktwirtschaft leben, ist der staatliche Eingriff nahezu unverzichtbar.
zu 5.: Wer behauptet denn hier permanent, wirtschaftswissenschaftliche Kenntnisse zu haben? Ich schreibe hier als Laie, der sich Gedanken über gesellschaftliche fehlentwicklungen macht. Ein Maßstab kann im Zweifel festgelegt werden, orientiert am Verständnis des durchschnittlich verständigen Verbrauchers. Ausbeutung verstehe ich persönlich so, dass dem alleinstehenden Arbeitnehmer für eine Vollzeittätigkeit nicht ausreichend Lohn gezahlt wird, um sein Existenzminimum zu sichern, während der Arbeitgeber mit überproportional hohem Einkommen nach Hause geht. Man könnte sich jetzt auf eine Zahl festlegen, was jedoch am Thema vorbeigeht. Manch einer wird das Zehnfache des durchschnittlichen Arbeitnehmereinkommens als Einkommen für den Unternehmer angemessen finden, ein anderer nur das Fünffache.
Mittwoch, 7. Mai 2008 um 1111:23
Nun gut, es ist schwer abzusehen, wohin diese Diskussion nun noch führen soll. Wer das Wirtschaftsleben aus dem Blickwinkel marxistischer Expropriierungsrhetorik interpretiert wird notgedrungen zu anderen Schlussfolgerungen als jemand kommen, der vom Grundwert der Freiheit als den Menschen konstituierend ausgeht.
Dass sich aus dem “gesunden Menschenverstand” ein Recht auf Zwangsanwendung gegen sich freiwillig miteinander Vereinbaredne ergeben soll, kann ich nicht erkennen und ich sehe mich da gestützt von Philosophen, die auch in anderen Kontexten durchaus als Autorität anerkannt werden (was wohl von Karl Marx mittlerweile nicht mehr behauptet werden kann).
Ich gebe Ihnen allerdings Recht - und da könnten wir uns ja wieder treffen -, was die Möglichkeit der Quersubventionierung von unterdurchschnittlichen Löhnen durch die Sozialhilfe angeht. Problem an der Sache ist jedoch, dass die Sozialhilfe die Situation der kompletten Familie berücksichtigt, der Lohn aber nur den einzelnen Arbeitnehmer.
Ein Single hat daher einen Hartz-IV-Anspruch von rund 700 € (347 € Regelsatz plus Warmmiete). Bei angenommenen 165 Stunden monatlicher Durchschnittsarbeitszeit entspricht das 4,24 € Sundenlohn - das ist allen Mindestlohnbefürwortern aber zu wenig und wird im Übrigen auch kaum irgendwo unterschritten (außer bei den Thüringischen Friseuren).
Ein Ehepaar hat einen Hartz-IV-Anspruch von ca. 1.100 € (624 € Regelsatz plus Warmmiete). Um diese Niveau mit einem einzelverdiener zu erreichen, brauchen Sie einen Mindestlohn von 6,67 € - was immer noch unter den Forderungen Der Linken und ver.di liegt. Arbeiten aber beide, erreichen sie schon einen verdienst von 13,33 €, was dem doppelten Sozialhilfeniveau entspricht.
Wozu führt das? Eine Koppelung von Arbeitslohn und Existenzminimum muss automatisch zu einer Koppelung zwischen Arbeitslohn und Familienstand führen. Damit wird aber der Verdient nun vollends von der Produktivität entkoppelt, was zu ökonomisch irrationalen Folgen führt.
Es ist ok, wenn man solche Überlegungen auf Anhieb nicht anstellt, weil einem zunächst einmal etwas ungerecht vorkommt. Andererseits sollte man in einer Diskussion um derartige Fragen dann aber bereit sein, diese Gedankengänge nachzuvollziehen.
Habe ich was übersehen?
Mittwoch, 7. Mai 2008 um 66:19
@Lysandros: Ganz so einfach ist die Sache mit dem Aldi nicht. Erstens haben die Brüder auch schon prächtig verdient, als es in diesem unserem Lande noch Vollbeschäftigung gab. Das liegt wohl auch daran, dass immer gepedigt wurde, vor allem auf den Preis von Waren zu achten und nicht auf die Qualität. Zweitens ist ein Gutteil der Discounter-Kunden finanziell durchaus gut gestellt – sie müssten also nicht unbedingt bei Aldi kaufen.
Warum tun sie es trotzdem? Zum einen sind die Waren qualitativ nicht schlecht (was die Stiftung Warentest zumindest für Aldi immer wieder zeigt. Andere Discounter schneiden da aber nicht so gut ab.) Zum anderen scheint auch die Mittelschicht den Druck zu spüren, auf ihre Ausgaben achten zu müssen.
Und jetzt mache ich mich mal total unbeliebt hier – diese Mittelschicht ist es nämlich, die die Sozialtransfers mit einer ziemlich hohen Steuerlast bezahlt. Die vom Urlaubsgeld mehr als die Hälfte an den Fiskus abführen darf – weil der Spitzensteuersatz nämlich heute schon beim 2 1/2-fachen des deutschen Durchschnittsverdienstes erreicht ist. Die Leute, die hart arbeiten, um ihren ein bis zwei Kindern eine ordentliche Bildung zu ermöglichen (inklusive Klavierunterricht!). Das sind die Leute, die das Geld erwirtschaften, dass andere für’s Nichtstun auf’s Konto bekommen.
Der Hartz-IV-Regelsatz ist sehr niedrig, und er macht gesellschaftliche Teilhabe unmöglich. Ich sehe ein, dass das ein Problem ist. Aber für eine Mittelschichtfamilie ist gesellschaftliche Teilhabe auch nicht leicht zu erreichen. Meine Frau und ich waren schon eine ganze Weile nicht mehr im Kino…
Aus Sicht eines Hartz-IV-Empfängers mögen das Luxusprobleme sein, ob sich eine Familie einen Kinobesuch, Urlaub oder Klavierunterricht für die Kleinen leisten kann. Aber hey: diese Leute arbeiten für ihr Geld! Und für Eures…
Mittwoch, 7. Mai 2008 um 88:14
Dirk - heißt das, dass Du den Beleg für die Walmart-Behauptung nicht gefunden hast?
Donnerstag, 8. Mai 2008 um 77:35
“Nun gut, es ist schwer abzusehen, wohin diese Diskussion nun noch führen soll. Wer das Wirtschaftsleben aus dem Blickwinkel marxistischer Expropriierungsrhetorik interpretiert wird notgedrungen zu anderen Schlussfolgerungen als jemand kommen, der vom Grundwert der Freiheit als den Menschen konstituierend ausgeht.
Dass sich aus dem “gesunden Menschenverstand” ein Recht auf Zwangsanwendung gegen sich freiwillig miteinander Vereinbaredne ergeben soll, kann ich nicht erkennen und ich sehe mich da gestützt von Philosophen, die auch in anderen Kontexten durchaus als Autorität anerkannt werden (was wohl von Karl Marx mittlerweile nicht mehr behauptet werden kann).”
Zwei so unterschiedliche Auffassungen wird man sicher nicht vereinen können. Eine Diskussion dürfte also auf der Grundlage kaum ergiebig sein. Mal davon abgesehen, dass ich nicht mit so schönen Fremdwörtern wie “Expropriierung” (warum nicht einfach “Enteignung”?) glänzen werde, kann ich Ihren Ansatz durchaus nachvollziehen, wenn Sie vom Grundwert der Freiheit ausgehen. Wenn sich das theoretisch zu befürwortende Recht auf freie Entfaltung jedoch praktisch so auswirkt, dass die einzige finanzielle und berufliche Freiheit in der Wahl besteht, den gnädig angebotenen Hungerlohn zu akzeptieren oder nicht, dann stellt dieses Recht nur eine Hülse dar, die nur das Gewissen derjenigen beruhigen kann, deren Freiheit (in der Regel aufgrund der Arbeitsleistung anderer) darin besteht, zwischen Porsche und Ferrari oder Privatjet und Luxusyacht zu wählen.
“Ein Single hat daher einen Hartz-IV-Anspruch von rund 700 € (347 € Regelsatz plus Warmmiete). Bei angenommenen 165 Stunden monatlicher Durchschnittsarbeitszeit entspricht das 4,24 € Sundenlohn - das ist allen Mindestlohnbefürwortern aber zu wenig und wird im Übrigen auch kaum irgendwo unterschritten (außer bei den Thüringischen Friseuren).”
Sie sollten es eigentlich besser wissen. Ein Single mit einem Stundenlohn von 4,24 € hat aufgrund der Freibeträge weiterhin Anspruch auf Hartz IV. Er wird aus dem Repressionsinstrument Hartz IV also damit nicht entkommen. Das wird ihm bei dem von Ihnen zugrundegelegten Bedarf von monatlich 700,00 € erst mit einem Bruttoeinkommen von ca. 1.300,00 € gelingen, sofern man von Steuerklasse I und den üblichen Sozialversicherungsbeiträgen ausgeht. Das entspricht bei einer Durchschnittsarbeitszeit von 165 Stunden monatlich einem Stundenlohn von 7,88 €. Und der wird nicht nur von Tthüringischen Friseuren unterschritten. Berliner Friseuren geht es übrigens auch nicht besser. Aktuelles Beispiel aus meinem Umfeld waren 600,00 € für Vollzeittätigkeit. Und das liegt deutlich unter 4 € Stundenlohn.
Richtig ist, dass man den Stundenlohn wohl schwerlich an den Familienverhältnissen wird ausrichten können. Da beschreiten wir nun allerdings einen ganz neuen Diskussionsweg, nämlich zur Frage “Armutsrisiko Familie mit Kindern”. Allerdings fürchte ich, dass wir damit zu weit vom Thema abdriften. Núr soviel dazu: Man muss feststellen, dass die Alleinverdiener-Familie in Deutschland in Zukunft auf Transferleistungen nach dem SGB II angewiesen sein wird, wenn nicht der Alleinverdiener einen überdurchschnittlichen Verdienst erzielt. Dafür sehe ich derzeit noch keine Lösung, es sei denn, man ringt sich zu einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle durch. Allerdings muss ich zugeben, dass ich doch leise Zweifel an der Finanzierbarkeit dieses Konzeptes habe.
Donnerstag, 8. Mai 2008 um 77:58
Nur die Ruhe, René. Bei Friedman steht das so tatsächlich nicht (zumindest finde ich es nicht, allerdings nennt das Stichwortverzeichnis zu “WalMart” auch mehr als 20 Seiten. Er schreibt, dass es eine Untersuchung der New York University gibt, wonach WalMart mit seinen Kampfpreisen bei Lebensmitteln die Wohlfahrt um mehr als 50 Milliarden Dollar pro Jahr erhöhe, und dass davon vor allem Arme profitieren. Auf der anderen Seite erkaufe WalMart das allerdings durch direkte und indirekte Subventionen. So ist nur jeder 3. Mitarbeiter krankenversichert, so dass der Steuerzahler für die MedicAid-Versorgung eines großen Teils der WalMart-Arbeiter aufkommen muss. Außerdem verdienen vor allem Teilzeitkräfte so wenig, dass sie auf (ebenfalls steuerfinanzierte) Sozialprogramme wie Lebensmittel-Gutscheine angewiesen sind. Dennoch sponsort WalMart vor allem Republikanische Politiker, die für die Abschaffung solcher Programme sind, die die Mitarbeiter aber zum Überleben brauchen.
Trotzdem scheint die Aussage zu stimmen – zumindest gibt es eine Reihe von ökonometrischen Untersuchungen die zeigen, dass die Ansiedlung eines WalMart Supercenters die Wahlfahrt von Familien senkt und negative Konsequenzen für den örtlichen Arbeitsmarkt haben. Wie immer bei Statistik gibt es allerdings auch Untersuchungen, die das Gegenteil behaupten. Wenn Du mal in der EBSCO-Datenbank das Stichwort Wal-Mart eingibst, findest Du die Untersuchungen.
Donnerstag, 8. Mai 2008 um 1010:04
@ Marktgraf & Welfare…
Ist schon klar,
), was wiederum gegenzuprüfen wäre - Eindrücke, Wahrnehmungen etc. widerspiegelt, die aufmerksame Zeitgenossen als sich hinschleichenden Prozess mit zunehmender Beschleunigung längst wahrgenommen haben. Und diese Zeitgenossen haben sich längst daran gewöhnt, rundweg abgebügelt und als Schwarzseher diffamiert zu werden. Erst wenn ganze Kindergärten in diverse Brunnen gefallen sind, werden zuallerletzt Berufspolitiker, Bürokraten und Boulevardpresse wach ( siehe allgemeine Bildungsdefizite, Massenarmut in D, Kinderarmut in D .. aktuell: die negierte Altersarmut, die erst in 25 - 30 jahren virulent werden soll - selbst Rürup ist plötzlich wachgeworden !! :-)) )
eine Debatte zwischen Mittelschichtlern führt zwangsläufig zum Thema der verunsicherten und verängstigten Mittelschichtlern.
Wobei ich - jetzt ernsthaft - betonen möchte,
dass die aktuelle Debatte - unterfüttert mit statistischem Material ( DWI und nun plötzlich wie Kai aus der Kiste MCKINSEY
So einfach mache ich es mir eben nicht mit ALDI, LIDL, PLUS & Co. …
es gehört zu Debatten unter Mittelschichtlern auf diverse Tests hinzuweisen, wie gut doch die Qualität in Segmenten sei .. dazu gehören auch die periodischen ALDI Kultgeschichten. Aber das sind doch Nebenschauplätze.
Wichtiger ist doch die Erkenntnis, dass viele Haushalte ihren Allgemeinbedarf nahezu ausschliesslich bei Discountern ( wenn nicht gar bei einem einzigen, der in ihrer direkten Nähe ist) abdecken .. und dieser Anteil ist umso höher je niedriger das Haushaltseinkommen ist. Wenn da nicht 80 - 90 % des verfügbaren Einkommens in einer einzigen Kasse landen?
Marktmacht der Discounter ( Das ALDI Modell findet seine deutschen Nachahmer), Umsätze und Vermögensentwicklung der Besitzer steigen seit den 70er Jahre deutlichst an. Wer die 70er Jahre jetzt verklärt, hat vielleicht noch am Daumen gelutscht … Einstieg in die Massenarbeitslosigkeit und den Verschuldungsstaat ( Man rechne die jährlichen Neuverschuldungsraten damals auf Staatshaushalt und BSP um !!) , rapider Abbau von industriellen Arbeitsplätzen, STAGFLATION .. etc.pp. .
Und dieser Trend der allmählichen Depravierung zunehmender Teile der Bevölkerung kombiniert mit der allgemeinen Discounterisierung oder ALDIsierung ist seit 25 - 30 jahren ungebrochen …
Über Wal*Mart, seine Strategien und Taktiken, sein Umgang mit eigenen Angestellten und Lieferanten kann man sich im i-net problemlos informieren ( incl. der Diskussionswidersprüche) .. das braucht man hier nicht auszuwalzen. Aber - manchem ALDI, LIDL & Co. Kenner werden die Geschichten sehr bekannt vorkommen.
Das ist nämlich der Grund, weshalb W*M in D so glanzlos gescheitet ist.
W*M traf in D als Neuling auf ein im knüppelharten Marktkampf geschultes Oligipol, das auf dem nationalen Markt längst die Strategien und Taktiken angewandt hatte, die W*M für sich in den USA der 80er Jahre entdeckt und auf Marktkonkurrenten vernichtend angewandt hatte. Das Oligipol hat W*M wie eine nasse Katze abgeschüttelt und mit Milliardenverlusten nach Hause geschickt.
Wir haben in D die geschickteren, effizienteren und raffinierteren W*M’s.
Wir haben in D ungezählte gesellschaftliche Baustellen …
Ungeklärt und selten politisch angerührt ist aber eine der zentralen gesellschaftlichen Fragen:
Kaum jemand bestreitet, dass in D auch zukünfig das Bruttosozialprodukt wächst und die Produktivität sich steigert. Wie aber soll dieses “Wachstum” verteilt werden ? So wie in den letzten 10 - 15 Jahren ? Die industriellen Arbeitsplätze mit ordentlichen Einkommen auch für An- und Ungelernte zu Zehntausenden an einem Standort werden nicht wiederkommen. Sollen ( und werden ?) sich 20 - 30 % oder mehr mit aufgestocken Einkommen zufrieden geben, die faktisch keine Teilnahme am höheren ökonomischen Fortschritt und Lebensstandard mehr ermöglichen? Auch verstärkte und längst überfällige Anstrengungen in Bildung werden an bestimmten anthropologischen Voraussetzungen wenig ändern. Zur Zeit haben wir nicht nur eine erstaunliche Höhe von NULL-Absolventen im hiesigen Schulsystem .. auch die Qualität der regulären Absolventen lässt sehr zu wünschen übrig.
Diese Fragestellungen sollten systematisch angepackt werden … mit ALG2 / Hartz IV und anderen Transfers doktern wir doch nur an den Symptomen herum und verquatschen uns dusselig.
M Walmart ist Deutschland glanzlos gescheitert, weil es - abgesehen us-amerikanischen Mentalitäts-/Anpassungsprobleme - auf einen knüppelharten Markt traf, der von einem Oligipol bestimmt war und ist und dem die Walmart’schen Erfolgsprinzipien
Niemand bezweifelt, dass Walmart, ALDI etc. bereits in den 50er + 60 er Jahren ordentlich bis prächtig verdient haben,
Donnerstag, 8. Mai 2008 um 1010:42
Mal wieder SORRY .. diesmal für die nicht gelöschten “Reste” am Ende ..
es muss manchmal halt schnell gehen :-))
Vielleicht noch eine kurze Überlegung zum eigentlichen Thema … ALG2 Sätze
Der aktuelle Satz scheint mir leidlich auskömmlich zu sein,
wenn man ihn verhältnismässig kurze Zeit in Anspruch nehmen muss ( maximal 9 - 12 Monate ??) …
Die politische Strategie läuft natürlich darauf hin, diesen Satz so knapp als möglich zu halten,
um so irgendwann mal die erwarteten “Früchte” ernten zu können:
Dass HartzIV/ALG2 so schreckensbewehrt sind,
dass etliche eher Gras fressen, als sich ins HartzIV Regiment zu fügen.
Das Akzeptanzproblem der aktuellen Sätze besteht natürlich darin,
dass eine nachvollziehbare Definition des “soziokulturellen” Existenzminimums in €uros faktisch nicht vorliegt.
Was zur Zeit vorliegt ist der Versuch einer Definition …
der allerdings daran krankt, dass - nicht nur nach einer Fama - erst die Summe feststand,
die ausgegeben werden sollte/durfte ..
und danach die Sätze ausgestaltet worden sind … unter bewusster Verwendung veralteter Daten,
die zusätzlich frisiert worden sind.
Dass diese Finanzspekulation natürlich nicht aufgegangen ist,
braucht man fast gar nicht zu erwähnen.
Freitag, 9. Mai 2008 um 33:03
Ich lese eigentlich nur mit, aber dazu muss ich was sagen
<>
Behindertenfahrdienst, Kinder abholen von zu Hause in den Kindergarten fahren und abends Retour. Sagenhafte 4 Euro Stundenlohn erhält man für diesen Job, Arbeitsbeginn 5:15 bis 8:30 - Pause - 14:30 - 17:30 Arbeitsende - Tag war komplett verplant, doppelte Fahrzeit/Kosten, da man zwei Mal in den Betreib musste, mein Anfahrtsweg war ca. 30 Minuten, macht 2 Stunden zusätzlich unterwegs…. Betreuung eines behinderten Kindes zu Hause + Hausarbeit, auch Abends/Wochenende - Stundenlohn 4 Euro … soll ich weiter schreiben? Ich wohne in Sachsen. - solange solche Löhne von staatlicher Seite aus (Jugendamt) gezahlt werden, müssen Mindestlöhne her, ich habe für die 4 Euro gearbeitet und noch Hartz4 beziehen müssen, heute habe ich einen gutbezahlten Job aber ich weiß eins, sollte ich wieder arbeitslos werden, werde ich mich definitiv nicht mehr unter Wert verkaufen, um als Singel leben zu können braucht man mindestens 7 Euro die Stunde.
Dienstag, 13. Mai 2008 um 1212:28
Zitat:
“3. Warum arbeitet jemand für walmart?”
Zitat Ende.
Dafür kann es vielfältige Gründe geben…
1) die Chance, einen besser dotierten Job in einer anderen Handelskette zu erhalten, ist verschwindend gering - Gründe dafür können sein… mangelnde Mobilität, fehlende Flexibilität (z.B. bei Alleinerziehenden), fehlende Auswahloption vor Ort etc. pp.
2) man bewirbt sich dort, weil WalMart eben eine Stelle ausgeschrieben hat - und andere Handelsketten nicht…
3) man bewirbt sich bei WalMart, um sein “Bewerbungskontingent” für den jeweiligen Monat zu erfüllen und sich alternativ eine aussichtslose Blindbewerbung bei einer anderen Handelskette im wahrsten Sinne des Wortes zu ersparen - bekommt man bei unaufgeforderten Bewerbungen doch kaum je seine Bewerbungsmappen zurück…
4)”man” erinnert sich an die Regelungen im SGB II - § 10 (Zumutbarkeit)
… spätestens dann schließt sich der Kreis!
Der Gesetzgeber hat explizit vorgegeben, was zumutbar ist, dabei hat er sehr bewusst “aufstockende Leistungen” einkalkuliert und als indirekten Kombi-Lohn oder genauer, als Appetit-Häppchen den Unternehmen dargereicht! Daraus könnte man schließen, dass der Gesetzgeber Niedriglöhne wollte und will und unterstützt.
Ergo stellt sich die Frage nicht, warum jemand für einen Niedriglohn arbeiten geht - jedenfalls nicht für die davon betroffene Person.
Nebenbei bemerkt glaube ich mich zu erinnern, dass WalMart in Deutschland gescheitert ist und von Metro Group “übernommen” wurde.
Womit gleich die nächste, ebenfalls wiederum sehr theoretische Frage zu beantworten ist - jedenfalls für die Zukunft, inwieweit der Verbraucher künftig bei der Gestaltung der Preise “mitwirken” kann, wenn sich drei oder vier große Handelskonzerne den Markt “teilen” - und bestimmt nicht “nur” den Preis der Löhne vorgeben.
Dienstag, 13. Mai 2008 um 55:02
Ok… nachdem ich mich hier komplett durchgearbeitet habe und hier und da einen Kommentar schrieb, möchte ich gern noch abschließend etwas loswerden, ohne die ultimative Lösung “mitliefern” zu müssen
Zitat:
“Einfach den Regelsatz um 50 € erhöhen würden meines Erachtens (fast) gar nichts bringen. Wer nicht mit dem Geld umgehen kann, wird auch 50 € mehr genauso schnell verbrauchen. 50 € vermindern noch einmal den Abstand zur arbeitenden Bevölkerung und senkt den Anreiz, da raus zu kommen. Man könnte mehr auf Sachleistungen umstellen, aber das ist mir persönlich zu paternalistisch.”
Zitat Ende
Wenn ich das richtig recherchiert habe (war nicht selbst betroffen!), dann wurde nach BSHG ein Regelsatz/Bedarf (wie immer es dort auch genannt wurde) von ca. 296 Euro für einen Erwachsenen ausgezahlt… das galt wohl auch vor der Einführung des Euro… vor der Erhöhung der Mehrwertsteuer, dem sprunghaften Anstieg der Energiekosten (also Kosten, die indirekt eben die meisten Güter ebenfalls nochmals preislich ansteigen lassen)und den enorm gestiegenen Lebensmittelpreisen…
Dann wurde die Differenz zu ehemals 345 Euro als sog. Ansparung vorgesehen und dafür fielen bestimmte Einmalleistungen weg (Kleidergeld, geldwerte Leistungen.. etwa für Reparaturen defekter Haushaltsgeräte, Mittel für Ersatzbeschaffung Möbel, ein kleiner Weihnachtsobolus, der Freibetrag beim Kindergeld…
Inzwischen haben wir 2008 - der Regelsatz liegt bei derzeit 347/312 Euro - er entspricht aber nicht mehr dem Gegenwert, den man 2001, 2002, 2003 usw. dafür erhalten konnte…
Also kann man es nicht darauf reduzieren, dass Betroffene generell nicht in der Lage wären, vernünftig mit Geld umzugehen. Im Einzelfall mag das natürlich Thema sein.
Wir haben also eine Inflation, die sich… je kleiner der Geldbeutel nun einmal ist, umso stärker auswirkt; da nützt es auch nichts einen Warenkorb entgegenzuhalten, der Pauschalreisen, Computer und Hifi-Equipment enthält, denn das können sich einfache Arbeitnehmer, Geringentlohnte Betroffene, Rentner, Kranke/Behinderte Menschen sowie auch ALG II-Bezieher, nebst alles nicht leisten.
“Wir” haben also sozusagen einen “eigenen” Warenkorb und der Bedarf ist in den letzten Jahren nicht in ausreichendem Maße an die Preisentwicklung der Güter angepasst worden, die für uns nun einmal elementar wichtig sind.
… ich glaube, das nennt man “Umverteilung” - nur hier eben zu Lasten einer Bevölkerungsschicht, die zunehmend darauf ausgelegt ist, anzuwachsen.
Da wir keine Vollbeschäftigung mehr haben (und nie mehr haben werden), diktieren die Unternehmen den Wert der Arbeit… das an sich ist schon schlimm genug, aber leider hat die letzte Regierung und auch die jetzige Regierung diese Entwicklung unterstützt - vielleicht ja tatsächlich mit dem Hintergedanken, die Beschäftigung anzukurbeln (wobei ich das ehrlich gesagt, bezweifle) - es wurde also in die Gesetze des Marktes einseitig eingegriffen, in dem man Unternehmen über Gesetzgebung motiviert, nicht mehr so hohe Löhne zahlen zu müssen…
Dummerweise werden deshalb noch lange nicht mehr Menschen “beschäftigt”, weil die Arbeit einfach nicht mehr da ist (bitte jetzt keine theoretischen Antworten über die Mär der zu hohen Lohn- und Lohnnebenkosten!), weil Deutschland aus vielfältige Gründen (Steuergesetzgebung uva.) als Standort unattraktiv geworden ist, weil im Zuge der Globalisierung diese Entwicklung geradezu ein Muss ist, weil Maschinen Menschen ersetzten und ersetzen - um nur einige Aspekte zu nennen…
Früher war ein “klassischer” Sozialhilfebezieher wohl jemand, der es versäumt hat, überhaupt eine Ausbildung zu machen, etwa ungelernt gearbeitet hat, dann für den Markt nicht mehr qualifiziert genug war… - das ist doch weitestgehend korrekt, oder?
Heute ist ein ALG II-Bezieher oft ein Mensch mit einem guten Schulabschluss und ein oder mehreren Aus- und/oder Fortbildungen - der am Markt mit seinem Leistungspotential nicht mehr gefragt ist, weil es zuviele von seiner Sorte gibt…
…andere Vermittlungshemmnisse, wie Alter, Gebärfähigkeit, Unterbrechungen im Lebenslauf durch Kinder, fehlende, unzureichende Betreuungsmöglichkeiten für eben diese Kinder, Erkrankungen, Behinderungen usw. werden von den Unternehmen nicht mehr akzeptiert…
…weil soziale Verantwortung für bestimmte Kreise nicht mehr notwendig ist…
Warum auch, wenn doch reichlich “Menschen-Material” zu günstigsten Preisen zu rekrutieren ist - das Diktat des Marktes eben…. und je krautiger die Erwerbsbiographie nun einmal ist (und zwangsläufig wird), desto mehr sinkt der Wert der Arbeitskraft - obwohl es eigentlich nicht so sein sollte.
Ausnahmen bilden zur Zeit gerade gefragte Berufe bzw. spezialisierte, seltene Ausbildungen - das Gros fällt jedoch langfristig “hinten” runter… Einfach so…
Im europäischen Vergleich hinken wir jetzt bereits hinterher, aber sicherlich nicht, weil wir zu “teuer” sind, sondern weil hier einseitig abgeschöpft wird - das nennt man dann wohl Gewinnmaximierung… es geht den Unternehmen überwiegend nicht schlecht… - besonders denen nicht, die exportieren - wenngleich auch das sehr kurz gedacht ist, schaut man sich z.B. den Dollar an…
Aber gut, ich will hier nicht so weit ausschweifen… Menschen, die Geld zur Verfügung haben, konsumieren - Konsum wiederum regt den Binnenmarkt an (hilft den mittelständischen Unternehmen) - es ist Geld im Umfluss (und wird nicht mehr ängstlich gehortet), es wird gekauft, es ist Geld für Dienstleistungen da, es ist Geld für Häuser da (Handwerk!!!), es wird produziert, weil der Bedarf da ist (und zwar für das Inland).. und wo produziert wird, werden schlussendlich Arbeitskräfte benötigt.
… ich kann mich irren, ich bin kein Wirtschaftsexperte… aber ich habe den Eindruck, Deutschland spart sich teils zu Tode - an allen Ecken…
Die Menschen, die das Glück haben ihre Arbeitskraft einsetzen zu dürfen, werden verunsichert und steuerlich geschröpft, während der Spitzensteuersatz mehrfach in Folge abgesenkt wurde…
An jedem größeren Betrieb, der hier dichtmacht, weil im Moment China oder sonstige Standorte attraktiver sind, hängt ein kleiner Friseur und andere Handwerksbetriebe, Gastronomie, Zulieferer, irgend ein kleiner Nippesladen ein paar Straßen weiter… all diese Selbstständigen haben Angestellte und alle ringen um´s Überleben…
Sicherlich wäre es möglich z.B. in der Steuergesetzgebung die Abschreibungsmöglichkeiten zu verändern, um indirekt die menschliche Arbeitskraft wieder attraktiver werden zu lassen in den Augen der Unternehmen… und wer im Ausland, etwa in China, Rumänien oder sonstwo prodoziert und sich dort auf die niedrigen Löhne beruft, ja, der soll dort auch bitte seine Waren absetzen.. hier ließe sich sicherlich etwas über Einfuhrzölle regeln…
Mini-Jobs waren früher Zubrot für Hausfrauen, damit es für den Zweitwagen reichte… heute sind sie Ersatz für früher übliche und gänzlich anders entlohnte Teilzeitbeschäftigung… was spricht dagegen, Mini-Jobs zeitlich wieder einzuschränken - damit eine 20 Wochen-Std.-Kraft wieder vernünftig entlohnt werden muss…
So könnte man Schritt für Schritt die Entwicklung in die andere Richtung steuern… Betriebe, die Betriebskindergärten einrichten, könnten Steuererleichterungen erfahren…
Ach, ich könnte hier endlos weiterschreiben - und ja, ich bin für eine Erhöhung der Regelsätze, für Mindestlöhne, die ja letztlich nur den alten Zustand wiederherstellen = ein Arbeitnehmer in der Familie ist mit seinem Gehalt in der Lage für seine Familie angemessen (!) zu sorgen - das war nämlich mal so, auch wenn es scheinbar alle Welt vergessen hat.
Dienstag, 13. Mai 2008 um 77:29
Sie beziehen sich auf einen Warenkorb speziell für Bezieher von Transferleistungen. Das Warenkorb-Modell ist vor einigen Jahren in der Sozialhilfe abgeschafft und durch die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) ersetzt worden. Darin werden statistisch die Ausgaben der untersten, arbeitenden Bevölkerungsschicht abgebildet.
Würde man nur die Transferleistungsbezieher in diese Gruppe aufnehmen, ergäbe sich ein Kreislauf nach unten. Deshalb orientiert man sich mit der EVS an der Einkommensschicht darüber und nimmt auf deren Ausgabeverhalten Abzüge vor.
Dienstag, 13. Mai 2008 um 1010:43
Hallo Welfareandeconomics,
das ist mir bekannt
deswegen bezog ich mich auf den Warenkorb, der für die Errechnung der Inflationsrate ausschlaggebend ist - auch reduzierte ich meine Ausführung nicht ausschließlich auf “Transferleistungsemfänger”, denn ich schrieb:
Zitat Nefertari1968:
“Wir haben also eine Inflation, die sich… je kleiner der Geldbeutel nun einmal ist, umso stärker auswirkt; da nützt es auch nichts einen Warenkorb entgegenzuhalten, der Pauschalreisen, Computer und Hifi-Equipment enthält, denn das können sich einfache Arbeitnehmer, Geringentlohnte Betroffene, Rentner, Kranke/Behinderte Menschen sowie auch ALG II-Bezieher alles nicht leisten.”
Zitat Ende
… und meinte eben nicht die EVS von 1998 (!), welche für die eigentümliche Errechnung der Bedarfe/Regelsätze zugrundegelegt wurde, sondern den Warenkorb, der immer noch für die Errechnung der Inflationsrate ermittelt wird.
Damit wollte ich zum Ausdruck bringen, warum die oben genannten Personengruppen “ihre” Inflation als schwerwiegender empfinden.
Im Übrigen macht die EVS von 1998 (also lange vor Einführung des Euros, vor den Preissteigerungen, vor der Mehrwertsteuererhöhung etc. ermittelt), die Angelegenheit nicht unbedingt gerechter - deswegen ist mir gänzlich unklar, wieso Sie diese argumentativ in´s Feld führen
Da das aber jetzt nun einmal geschehen ist… dazu gibt es allerhand interessante Informationen - ich erlaube mir, einen Link einzufügen, der das insgesamt recht gut auf den Punkt bringt:
http://www.lebens-phase.de/forum/showthread.php?t=2766
Zitat aus: “Der Paritätische Wohlfahrtsverband” (Anhang - Siehe Link)
“Die Fortschreibung anhand des Rentenwertes ist jedoch problematisch, da die Festsetzung des Rentenwertes nicht am Bedarf, sondern eher an politischen Zielrichtungen wie der Stabilisierung der Beitragssätze und der Nachhaltigkeit der
Haushalte ausgerichtet ist. Mit anderen Worten, die Philosophie der bevorstehenden Rentenreformen verträgt sich nicht mit den Bedarfsgesichtspunkten im untersten Netz des Sozialstaates. Aus allem folgt, daß ein geeignet gewählter Verbraucherpreisindex den vorzuschreibenden Eckregelsatz viel angemessener mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit verknüpft, als es ein Rentenwert vermag.”
Zitat Ende
oder…
Zitat aus “die Regelsatz-Lüge” (Anhang - Siehe Link):
„Wer gehört zu den unteren Verbrauchergruppen? Überwiegend RentnerInnen.“
„Dennoch sickerte aus dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales durch, dass 50 % dieser
Bezugsgruppe über 65 Jahre alt sind, 20 % unter 25 und 30 % zwischen 25 und 65.“
„Der Eckregelsatz ist, salopp gesagt, ein Rentner-Regelsatz.“
„Die Verbrauchsausgaben von RentnerInnen sind in wichtigen Ausgabenbereichen niedriger als
die von erwerbsfähigen Personen. Das wiederum führt dazu, dass die Regelsätze zu niedrig
festgesetzt werden.“
„Personen über 65 Jahre gaben also 1998 für die im Regelsatz enthaltenen Ausgabepositionen
(ohne Haushaltsenergie) 92 € oder nahezu 20 % weniger aus. Vor allem bei Mobilität,
Kommunikation, Freizeit und Ernährung / Gaststättenbesuche
Umgekehrt: Personen unter 65 Jahren geben rd. 23 % mehr aus.“
„Die Bundesregierung rechnet aber die Sozialhilfebezieher erst heraus, nachdem die
Verbrauchergruppen unter Einschluss der Sozialhilfebezieher festgelegt wurden. Warum wohl?“
Zitat Ende
…….
Übrigens bin ich ein bisschen enttäuscht darüber, dass Sie sich lediglich einen einzelnen Aspekt aus meinem Kommentar herausziehen und diesen auch noch unzutreffend auslegen… schließlich hatte ich etwas mehr geschrieben - aber vermutlich passe ich schlicht und ergreifend nicht in das übliche Bild einer Transferleistungsbezieherin bzw. es muss deutlich gemacht werden, dass man mit mir nicht in Augenhöhe zu diskutieren bereit ist =?
Wenn es so sein sollte, wäre es sehr bedauerlich!
Dienstag, 13. Mai 2008 um 99:00
Ich finde schon, dass wir hier auf Augenhöhe diskutieren, wenn auch eine etwas zeitverzögerte Reaktion von mir derzeit meinem beschränkten Zeitbudget geschuldet ist.
Auf Augenhöhe zu diskutieren bedeutet für mich aber auch, dass Sie einen Vorschlag machen, wie die von Ihnen aufgezeigten Probleme gelöst werden sollten. Sie betonen in anderen Kommentaren (auf die ich aus Zeitgründen noch nicht eingegangen bin, dass Sie sich nicht in der Pflicht sehen, eine Alternative anzubieten. Dem kann ich nicht folgen. Alternativlose Kritik ist nutzlos.
Die Genese der 347 €-Regelleistung ist so kritikwürdig wie offenkundig: Man hat mit einer fragwürdigen Methodik versucht, ein vorher feststehendes Ergebnis zu untermauern.
Allerdings: Das heißt nicht, dass deswegen das Ergebnis per se falsch ist. Ich weise erneut auf das Lohnabstandsgebot hin, das es einzuhalten gilt. Wenn Herr Wolf in seinem Beitrag meint, das gelte nicht für das SGB II, geht dieser Einfall meines Erachtens auch fehl. Hinter dem Gebot steht ein ökonomisches Prinzip und dieses Prinzip gilt unabhängig von staatlichen Gesetzen: Menschen brauchen einen Anreiz, etwas zu tun. Fehlt es am Anreiz, stellen sie die Tätigkeit ein. Das gilt fürs Arbeiten ebenso wie für das Kinderkriegen.
Dienstag, 13. Mai 2008 um 1010:56
Nun ja, das Lohnabstandsgebot ist ja keine Einbahnstrasse. Nicht die Höhe des Regelsatzes (der rein fiktiv ist) ist ausschlaggebend, sondern die Notwendigkeit eines gesetzlichen Mindestlohnes, der für den nötigen Abstand sorgt.
Der reale Regelsatz wird durch die Lebenshaltungskosten bestimmt, aber nachhaltig ignoriert.
Menschen benötigen sicherlich für ihr Tun und Handeln eine Motivation, aber ob es bei allen Arbeitslosen nur das Geld ist? Was nützt hier auch die beste Motivation, wenn der Markt nicht ausreichend Arbeitsplätze anbietet? Wir sprechen hier ja nicht, wie die Regierung, die durch miese Tricks die Arbeitslosenzahlen verfälscht, von “nur” 4 Millionen. Vielmehr sind es gut 8 bis 10 Millionen, die erwerbslos sind.
So ein Selbstversuch ist ja ganz nett, aber eben nur zeitlich begrenzt und mit der nötigen Gewissheit ausgestattet, dass er endlich ist. Mich stört hier auch das nur der Bereich (Lebensmittel) herausgepickt wurde, der noch am stärksten zu manipulieren ist. Wo bleibt der Hinweis, das Betroffene an Lebensmitteln sparen müssen, damit sie die gestiegenen (und nicht berücksichtigten) Energiekosten auffangen können?
Fakt ist, ein Single hatte unter dem BSHG ca. 300,00 Euro pro Jahr mehr zur Verfügung.
Nicht zu vergessen, die drastische Einschränkung, sich gegen falsche Bescheide zu wehren. Unter dem BSHG gab es immerhin noch die aufschiebende Wirkung des Widerspruchs, die eine Notlage bis zum Urteil vermied.
Wer, wie wir von der Lebensphase, seit Jahren mit Betroffenen zu tun hat, bekommt da einen sehr tiefen Einblick, der Zweifel an der Rechtstaatlichkeit aufkommen lässt.
Mittwoch, 14. Mai 2008 um 55:20
“Fakt ist, ein Single hatte unter dem BSHG ca. 300,00 Euro pro Jahr mehr zur Verfügung.”
Können Sie das mal vorrechnen?
Mittwoch, 14. Mai 2008 um 1111:09
Da gibt es nicht viel vorzurechnen. Nehmen sie einfach die Einmalleistungen, wie Kleidergeld für Sommer und Winter, die Weihnachtsbeihilfe und die Einmaliegen Leistungen unter BSHG und stellen sie diese der Differenz vom Regelsatz nach BSHG dem Regelsatz nach SGB II gegenüber.
Mittwoch, 14. Mai 2008 um 55:38
Hallo Herr Ruschmeier,
… auf Augenhöhe diskutieren bedeutet auch, das wahrzunehmen, was in der Diskussion gesagt (hier: geschrieben) wird…
… und ich schrieb:
Zitat:
“Sicherlich wäre es möglich z.B. in der Steuergesetzgebung die Abschreibungsmöglichkeiten zu verändern, um indirekt die menschliche Arbeitskraft wieder attraktiver werden zu lassen in den Augen der Unternehmen… und wer im Ausland, etwa in China, Rumänien oder sonstwo prodoziert und sich dort auf die niedrigen Löhne beruft, ja, der soll dort auch bitte seine Waren absetzen.. hier ließe sich sicherlich etwas über Einfuhrzölle regeln…
Mini-Jobs waren früher Zubrot für Hausfrauen, damit es für den Zweitwagen reichte… heute sind sie Ersatz für früher übliche und gänzlich anders entlohnte Teilzeitbeschäftigung… was spricht dagegen, Mini-Jobs zeitlich wieder einzuschränken - damit eine 20 Wochen-Std.-Kraft wieder vernünftig entlohnt werden muss…
So könnte man Schritt für Schritt die Entwicklung in die andere Richtung steuern… Betriebe, die Betriebskindergärten einrichten, könnten Steuererleichterungen erfahren…
Ach, ich könnte hier endlos weiterschreiben - und ja, ich bin für eine Erhöhung der Regelsätze, für Mindestlöhne, die ja letztlich nur den alten Zustand wiederherstellen = ein Arbeitnehmer in der Familie ist mit seinem Gehalt in der Lage für seine Familie angemessen (!) zu sorgen - das war nämlich mal so, auch wenn es scheinbar alle Welt vergessen hat.”
Zitat Ende
Damit bin ich bereits auf einen Teil der Lösungsmöglichkeiten eingegangen - im Übrigen hatte ich in meinem anderen Beitrag/Kommentar in diesem Blog begründet, warum ich keine vollständige Lösung liefern könne, dass ich kein Wirtschaftswissenschaftler bin…
Aber gut - zäumen wir das Pferd eben von der anderen Seite auf.. was ist denn der Jetztzustand und was erwartet uns, wenn aus dem “Jetzt” eine verschärfte Zukunft wird, weil niemand gegensteuert?
An Niedriglöhnen hängt ja nun nicht “nur” die Kaufkraft bzw. der Binnenmarkt, der uns nach und nach wegkippt; daran “hängen” Sozialversicherungseinnahmen (die logisch laufend geringer werden) und Steuern - ergo fehlt Geld und zwar den Krankenversicherungen, es fehlt in der Rentenkasse und … es fehlt dem Bund und den Kommunen.
Auf der anderen Seite aber zahlen die Steuerzahler (übrigens nicht nur aus Lohnsteuer!) stellvertretend für die Unternehmen die Lohndifferenz über ergänzendes ALG II.
Wer sind denn nun eigentlich die Nutznießer dieses Systems - wer wird denn laufend über die Gesetzgebung motiviert, so weiterhin agieren zu können - und wer zahlt denn nun eigentlich die Zeche?
Die Spitzenverdiener, die großen Unternehmen und die Millionäre sicherlich nicht… Das zahlen wir im Prinzip alle - sogar ich, wenn ich Windeln für meinen Sohn kaufe. Und ganz besonders zahlt dies der Mittelstand, also kleine Selbstständige (die eben nicht alles absetzen können) und die etwas besser verdienenden Arbeitnehmer über die kalte Progression =
http://www.focus.de/finanzen/steuern/steuerprogression
http://www.focus.de/finanzen/steuern/steuerprogression/kalte-progression_aid_24953.html
Dafür wurde der Spitzensteuersatz mehrfach in Folge gesenkt…
Also diejenigen, die ebenfalls dafür zuständig wären, die Karre wieder auf trockenes Land zu ziehen, werden aus der Verantwortung entlassen. Opfer sind die Niedriglöhner, die das Glück hatten einen Job zu bekommen, die Arbeitnehmer, die etwas besser verdienen und all die Armen in diesem Land, die zum Konsum schlicht gezwungen sind, dafür aber wegen eines Lohnabstandsgebotes letztlich nicht die ausreichenden Mittel zur Verfügung haben.
Also Gegenfrage: warum ist das System, welches wir jetzt haben gut und richtig, warum kann es Ihrer Meinung nach bis in alle Zukunft funktionieren?
Wo sollen die Einnahmen für die Krankenversicherungen, für die Pflegeversicherung, für die Rentenkasse, für die BA, für den Staat, für die Volkswirtschaft usw. dauerhaft herkommen, wenn immer geringere Löhne erzielt werden, die Menschen gezwungen werden, solche Arbeitsplätze auszufüllen und die Besserverdienenden überwiegend mit ihren Steuern auch noch die notwendige Aufstockung erwirtschaften müssen…
… und machen wir uns doch bitte nichts vor - in irgendeinem anderen Kommentar/Beitrag schrieb ich wer früher der klassische Leistungsbezieher war - nämlich unausbebildete Menschen… Heute sind es überwiegend Menschen mit ordentlicher Schulbildung und einem oder mehreren qualifizierten Berufen, die einfach so hinten runter fallen…
… Morgen sind es dann die mittelständischen Betriebe, die sich nicht mehr halten können - da wiederum hängen Arbeitsplätze “dran”…
Gestern hat die Hausverwaltung mir einen Gas-Wasser-Heizungsinstallateur geschickt, bei mir wurde das Waschbecken sowie die Toilette ausgetauscht. Nun denkt man ja - es rücken mindestens zwei kaffeedurstige Handwerker an, also habe ich gleich eine ganze Kanne Kaffee aufgesetzt, auf der ich sitzen blieb…
….denn der “Chef” kam allein und trank nur eine Tasse… Innerhalb einer Stunde und 15 Minuten war der Austausch vollzogen - 10 Minuten davon waren dann einem Gespräch geschuldet, in welchem ich ihn fragte, warum er allein arbeitet…
Antwort: zu wenig Aufträge… Geschäfte laufen schlecht, zur Zeit wenig Bäder usw.
Dieses Gespräch ist doch symptomatisch für den Zustand, den wir derzeit haben… kaum noch Häuslebauer, “Geiz ist geil”-Mentalität seitens Wohnungsbaugesellschaften, die eben nicht nur Gas-Wasser-Heizungsinstallateure weniger mit Aufträgen versorgen.. und private Badezimmersanierungen - dafür ist vielfach einfach kein Geld mehr da.
Ich habe es mir dann verkniffen ihn zu fragen, was er denn veranlassen könnte, wenn er sich morgen zum Beispiel beim Heben einer Toilettenschüssel den Rücken verrenkt oder anderweitig krank würde, ich habe die Frage nach seiner Absicherung für einen solchen Fall ebenfalls heruntergeschluckt - es liegt mir nicht daran, Menschen zu depremieren. Ok.. in dem Gespräch stellte sich dann noch heraus, dass er zwei Kinder hat und seine Frau den gleichen Beruf erlernt hat wie ich - aber auch nicht gerade gut verdient…
Wollen wir jetzt ernsthaft darüber spekulieren, ob “mein” Gas-Wasser-Heizungsinstallateur nun ein Einzelfall wäre? Das glaube ich nicht…
Bevor ich umzog, lebte ich in einer beschaulichen Kleinstadt im Raum SFA und konnte seit Mitte der 90-er sehr gut beobachten, wie in der “Innenstadt” ein kleines Geschäft nach dem anderen schloss… drei Modegeschäfte, ein kleiner Fotoladen, ein Schuhgeschäft, zwei Gaststätten, eine Galerie mit Bastelartikeln, ein Wein- und Spirituosenladen mit einem göttlich lieben, altem Mann als Inhaber - um nur einige zu nennen… Mein vorletzter Arbeitgeber, eine Tischlerei krepelte mehr schlecht als recht vor sich hin.. und mein vorvorletzter Arbeitgeber, eine recht mächtige Bausparkasse bezuschusste die Lohnkosten der Gebietsleiter nicht mehr… viele kleine Veränderungen in nur einen kleinen Stadt und nur wahrgenommen von mir?
Das kann ich nicht recht glauben.
Ich bin der Ansicht, dass Mindestlöhne geeignet wären, die Steuerzahler zu entlasten und dem Fiskus wieder mehr Mittel in´s Säckel zu spülen - und zwar von denen, die es auch haben…
In anderen Ländern funktioniert das schließlich ebenfalls…
Drohende Arbeitsplatzverlagerung in´s Ausland, weil Mindestlöhne der Wirtschaft schaden? Das ist doch kein Indikator - bestes Beispiel dafür ist Nokia… subventioniert bis zum Abwinken und trotzdem über alle Berge… sollen die schlecht entlohnten Rumänen jetzt Handys kaufen?
Warum wird auf meinen Vorschlag mit den Einfuhr-Zöllen, als Strafsteuer nicht eingegangen?
Warum werden Subventionen nicht mit bestimmten Bedingungen verbunden?
Was spricht dagegen, Mini-Jobs auf 10 Std. wöchentlich höchstens festzuschreiben, mit einem Mindestlohn von z.B. 7 Euro pro Std. festzusetzen und die pauschale Abgabe für den Arbeitgeber auf Mini-Jobs zu erhöhen?
Zuschüsse für Arbeitgeber, die Beschäftigung schaffen = ok = Dauer des Arbeitsvertrages: mindestens 3 Jahre… Steuererleichterungen für die Schaffung sozialversicherungspflichtiger Jobs…
Abschaffung bestimmter Abschreibungsmethoden für Maschinen… die Steuergesetze in Deutschland sind doch schon undurchsichtig - was spricht dagegen, noch ein paar Sonderformen einzuführen?
M.E. nichts! Und… wer sich nicht wohlfühlt, geht eben nach Rumänien, China sonstwohin - Es werden sicherlich viele Unternehmen den Standort Deutschland auch unter schärferen Bedingungen nicht missen wollen… “Deutsche Wertarbeit”, schnelle Zulieferer, bessere Logistik und übrigens so oder so längst nicht mehr die höchsten Löhne- und Lohnnebenkosten in Europa…
Zitat:
Deutschland hat mit einem Zuwachs von 1,1% den niedrigsten Zuwachs innerhalb der Europäischen Union.
In der EU insgesamt sind es plus 3,3%,
in Schweden 2,3%,
in Großbritannien 4,2%,
in Irland 5,4%,
in Finnland 2,6% und
in Dänemark 3,7%.
In allen diesen Ländern ist die Wachstumsrate höher und die Arbeitslosenrate niedriger als bei uns. Vielleicht ist das von Spiegel Online gefeierte, aber tatsächlich niedrige Wachstum der Löhne eine der Hauptursachen für die Wachstumsschwäche Deutschlands und die nach wie vor hohe Arbeitslosigkeit vor allem auch im Bereich der niedrigen Einkommen.
Zitat Ende
Quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=2825
http://www.lebens-phase.de/forum/showthread.php?t=5771
… und bei dieser Aussage hier…
Zitat:
Menschen brauchen einen Anreiz, etwas zu tun. Fehlt es am Anreiz, stellen sie die Tätigkeit ein. Das gilt fürs Arbeiten ebenso wie für das Kinderkriegen.
Zitat Ende
… bekomme ich Bauchschmerzen, denn erstens wird unterstellt, dass Menschen nicht arbeiten gingen, weil ihnen die Motivation fehlt - und das kann schon deswegen nicht stimmen, weil das SGB II § 10 (Zumutbarkeit), exakt diese Annahme aushebelt.
….. und zweitens… zum “Kinderkriegen” braucht es nur eine Motivation: Liebe zu Kindern.
… falls es aber um Liebe zur Arbeit geht - jep… das ist ein Problem, denn leider haben sich “die Arbeitgeber” scheinbar komplett nicht nur vom Solidarprinzip verabschiedet… sondern wissen nicht, was soziale Verantwortung heißt…
… ich verstehe darunter unter anderem, dass in guten Zeiten gute Gewinne erzielt werden können und in schlechten Zeiten nicht nur Staat und Bürger/Arbeitnehmer für den Erhalt (und die Vermehrung!) der Gewinne zuständig sind, sondern auch die Unternehmen diese schlechten Zeiten durchstehen.
…. aber wie schon geschrieben… nur die Ansicht einer kleinen Bürokauffrau, die eben kein Diplomvolkswirt ist, sondern nur ein Mensch.
Mittwoch, 14. Mai 2008 um 55:55
Ach ja, eine Kleinigkeit habe ich noch vergessen.
Der Regelsatz steht natürlich nicht allen Beziehern in voller Höhe zum Leben zur Verfügung.
Es reicht schon aus, dass z.B. die Waschmaschine ersetzt werden muss. Zwar soll aus dem Regelsatz für solche Fälle eine Rücklage gebildet werden, die aber gelingt nur sehr selten.
Darum ist der Hilfeempfänger auf ein Darlehen angewiesen, welches ihm in Raten von 10% des Regelsatzes jeden Monat in Abzug gebracht wird. Geld, das zum (Über)leben fehlt.
Dazu muss der Hilfeempfänger auch noch seine Bewerbungskosten aus dem Regelsatz verauslagen, muss vorher einen Antrag auf Erstattung stellen, und darf dann manchmal Monate auf sein Geld warten.
Oft genug bekommen auch Aufstocker hier ergänzendes ALG II so spät, dass sie kaum noch Geld haben, um die Fahrtkosten zum Arbeitsplatz aufzubringen. Hier werden zum Teil Arbeitsplätze gefährdet.
Wer so ein System für praktikabel und zukunftssicher hält, hat sich nicht wirklich mit der Thematik beschäftigt. Was Hartz IV für Folgen haben wird, habe ich bereits im Frühjahr 2003 - lange vor öffentlichen Debatten - zu Papier gebracht:
http://www.arbeit-und-soziales.de/pages/politik/rueckschau/staatlich-verordnete-armut.php
Mittwoch, 14. Mai 2008 um 66:00
Warum wurde nefertari1968 auf Moderation gestellt? Zu kompetent?
Mittwoch, 14. Mai 2008 um 77:04
Leute - was soll immer diese Paranoia? Der letzte Kommentar von Frau Blank war zu lang, deshalb wurde er vom System zunächst auf Moderation gestellt.
Mittwoch, 14. Mai 2008 um 77:16
Ok, da auf den Mindestlohn bereits eingegangen wurde, hier ein paar Gedanken zum Einfuhrzoll als ‘Strafe’:
Eine Volkswirtschaft wird nicht dadurch leistungsfähiger, dass sie sich abschottet von außen, sondern dass sie sich der Konkurrenz stellt. Wenn andere Staaten Autos auf deutschem Qualitätsstandard billiger bauen können, sollen sie es tun. Jeder muss die Freiheit haben, diese Waren auch kaufen zu dürfen. Dass dabei deutsche Arbeitsplätze verloren gehen, ist ein wünschenswerter Effekt. Josef Schumpeter hat das das Prinzip der schöpferischen Zerstörung genannt. Eine Volkswirtschaft kann sich dieses Prinzip zu Nutze machen, oder sich abschotten oder Protektionismus betreiben.
Um nicht wieder nach Osten zu driften, hier ein Beispiel aus Westdeutschland das zeigt, wozu es führt, wenn man lieb gewonnene Industrien künstlich beatmet: Am deutschen Steinkohlebergbau können Sie sehr gut beobachten, wie Protektionismus die Entwicklung von alternativen Konzepten behindert. Erst seitdem endlich klar ist, dass Steinkohle aus Deutschland nicht mehr konkurrenzfähig ist, kommt eine neue Entwicklung im Ruhrgebiet langsam in die Gänge.
Es war hochgradig unverantwortlich, noch vor wenigen Jahren jungen Menschen einzureden, sie hätte eine berufliche Zukunft im Bergbau. So bildete man hauptberufliche Gewerkschafter und Streikposten aus, aber keine produktiven Arbeitskräfte für Zukunftsindustrien.
Was für den Bergbau gilt, gilt auch für die deutsche Landwirtschaft und alte protektionierten Wirtschaftszweige.
Im Übrigen: Einfuhrzölle ‘bestrafen’ nicht nur einführende Unternehmen, sondern sie ‘bestrafen’ auch den chinesischen Arbeiter, der sich Hoffnung machte, seine gebauten Autos in Deutschland verkaufen zu können. Was haben Sie gegen die Chinesen oder gegen die Rumänen, die jetzt unsere Handys bauen? Haben die kein Recht auf gute Arbeit? Ich finde, das hat viel zu starke nationalistische Töne (was ich nicht persönlich meine, sondern allgemein: Warum sollten ökonomische Überlegungen immer nur auf Nationalstaatsebene betrachtet werden?).
Altes bewahren zu wollen ist kein gutes Konzept für die Zukunft.
Mittwoch, 14. Mai 2008 um 99:55
Zitat:
Im Übrigen: Einfuhrzölle ‘bestrafen’ nicht nur einführende Unternehmen, sondern sie ‘bestrafen’ auch den chinesischen Arbeiter, der sich Hoffnung machte, seine gebauten Autos in Deutschland verkaufen zu können.
Zitat Ende…
Gegenfrage… wenn der Chinese sich sein eigenes Produkt selbst leisten könnte, weil er angemessen verdient, wäre doch ein Export nach Deutschland nicht mehr notwendig…?
… und wenn das so wäre = der Chinese das gleiche verdient wie ein deutscher Arbeitnehmer (damit er sich theoretisch sein Produkt kaufen kann), würden dann deutsche Konzerne noch im Ausland produzieren lassen?
Wohl eher nicht… also wird der Chinese so oder so ausgenutzt - und die Entwicklung in China wird ähnlich sein, wie in Deutschland oder anderen Industrieländern ehedem… Aufbau… und dann zieht die “Karawane” weiter in das nächste “Billiglohnland”.
… oder sie kommen wieder… denn während China sich entwickelt (und mit der Entwicklung kommt immer auch die Forderung nach Teilhabe auf), entwickeln wir uns zurück…
… dann kann man uns wieder aufbauen.
Umgekehrt wird ein Schuh daraus, wenn ich möchte, dass meine Produkte gekauft werden sollen, weil ich daran verdienen will, dann zahle ich Löhne, die es ermöglichen, meine Produkte zu erwerben.
Zitat:
Was haben Sie gegen die Chinesen oder gegen die Rumänen, die jetzt unsere Handys bauen?
Zitat Ende
Nichts! Ich habe weiter oben im Text beschrieben, was mich stört… und einen Beitrag vorher habe ich ebenfalls beschrieben, was offensichtlich nicht nur mich stören sollte… Alle Welt spricht von teuren Hartz IV-Beziehern… aber sie sahnen nicht ab und bauen sich in Rumänien eine neue Existenz vom Geld anderer auf. Nokia und andere tun dies allerdings.. und ich hätte noch weniger Bauchschmerzen, wenn ein Rumäne oder Chinese mindestens annähernd - auf ihre Lebensumstände bezogen, das Gleiche verdienen würden, wie andere Arbeitnehmer anderer Nationen. Das ist aber nicht der Fall, sie werden ausgenutzt… und sie können sich von ihrem Gehalt nicht nur die produzierten Handys nicht leisten, sie haben tatsächlich trotz Vollzeitarbeit noch weniger Lebensgrundlage, wie wir… und daran kann man das Perfide am System erkennen, denn genau das ist doch gewollt und genau das wird auch unterstützt.
Scheinbar ist Deutschland noch nicht “billig” genug… vielleicht sollte man die Zumutbarkeitsregelungen nochmals verschärfen und die Arbeitnehmerrechte, die Gewerkschaften, die Tarife - ja, gleich alles abschaffen… vielleicht sind die Konzerne ja dann so gnädig, ihre Arbeitsmöglichkeiten hier feilzubieten.
Zitat:
Haben die kein Recht auf gute Arbeit? Ich finde, das hat viel zu starke nationalistische Töne (was ich nicht persönlich meine, sondern allgemein: Warum sollten ökonomische Überlegungen immer nur auf Nationalstaatsebene betrachtet werden?).
Zitat Ende….
Wäre das Motiv “gute Arbeit” und gerechte Entlohnung, würde ich Ihnen sofort zustimmen - aber Sie wissen genauso gut wie ich, dass das nicht das Motiv ist und genau dieser Fakt macht das Ganze insgesamt so derart abartig.
Das hat auch nichts mit “Raubtierkapitalismus-Denke” zu tun… eher mit menschlichen Erwägungen. Sicherlich möchte ich, wenn ich ein Unternehmen führe, nicht Verlust fahren, ich möchte auch nicht meinen gesamten Gewinn mit meinen Mitarbeitern teilen, um mit ihnen auf einer Ebene zu stehen, schließlich trage ich die Last der Verantwortung, aber… für ordentliche Arbeit zahle ich einen anständigen Lohn, weil ich ein anständiger Mensch bin… ich muss nicht auf Knochen anderer Menschen meinen Gewinn bis “ich weiß nicht wohin” maximieren… - ich kann mir ein besseres Leben leisten, aber nach dem zweiten Rolls-Royce, der Zweitwohnung in New York, einem Kleiderschrank voll mit Designermode usw. muss doch auch ich irgendwann zu dem Schluss kommen, dass ich alles habe, was ich zum Leben brauche…
….und mich dünkt der Verdacht, dass diese “Menschen” da längst das Maß verloren haben, dafür bluten sie andere Menschen aus - und was hier nicht mehr funktioniert, aus vielfältigen Gründen nicht, funktioniert eben in Rumänien oder China…
Pfui Deibel.
Mittwoch, 14. Mai 2008 um 1010:19
… ach ja, wenn alle Unternehmen einen anständigen Lohn zahlen würden, hätten wir einen Selbstläufer…
… es würde wieder reichen, wenn einer in der Familie Vollzeit arbeitet,
… es würde mehr Geld in die Rentenkasse fließen, die Menschen könnten eher aufhören zu arbeiten - überdies könnten sie tatsächlich private Vorsorge ergänzend zur Rente finanzieren,
… bereits das würde eine Menge Druck aus dem Arbeitsmarkt nehmen, so könnte s